Die Grenzen der Transparenz

Kennt noch jemand die Ellenbogen-Gesellschaft aus dem Jet-Age? Anfang der achtziger Jahre lagen beide voll im Trend. Im Jahr 2014 steht die einst mächtige Concorde als Palette Dosen, mit Ananasstücken befüllt, im Supermarkt. Das neue Jahrtausend hat seine eigenen Lieblingsworte. Ganz vorne dabei: Die Transparenz. Ohne Transparenz läuft heute rein gar nichts mehr.

heartofglass

Photo Shandi-lee Cox (cc by-nc-nd)

Ich möchte mit einem Blick vor die eigene Haustür beginnen. Es ist ein Blick auf das vermeintlich Nichtige: Es geht um das Dorf. Für ungeübte Augen mögen Dörfer einfach gestrickt wirken; tatsächlich aber werden sie von einem unübersichtlichen Geflecht aus Geschwätz am Leben gehalten, das manchmal nur schwer zu fassen ist. Die Leute kennen sich, offenbar aber nie gut genug.

Bleibt zum Beispiel dem Nachbarn ein Lebensbereich seines Nachbarn verborgen, werden sofort die Ohren aufgestellt und der Großfeldstecher geputzt. Er vermutet natürlich gleich zuerst das Hinterletzte: An welchen Verbrechen gegen Sitte oder Gesetz mag der Andere wohl gerade tüfteln? Im Stille-Post-System gehen der Bande schließlich ihre Spekulationen durch und ehe man sich versieht hat man ein Verhältnis mit seinem Hund. Hat zumindest der Huber Bauer gesagt. Der hat es gesehen, ganz sicher. Was würden sie nicht alles geben für ein klein wenig Transparenz von Wohn- und vor allem Schlafzimmern der Nachbarn – ohne daran zu denken, dass der Einblick vielfach furzlangweilig bis abstoßend wäre: Es flimmert die Glotze inklusive Bachelorette und davor sitzt Onkel Horst im ockergelben Schlüpper. Tante Jutta schnarcht bereits im Ohrensessel. Aber daran denken sie nicht. Die Phantasien über Sex und Intrigen sind schließlich zu schön.

Aber sicher: Wir alle – außer ich – haben unsere mehr oder weniger gewichtigen Leichen im Keller, die vielleicht nicht so zahlreich sind, wie die Nachbarn annehmen, aber trotzdem um jeden Preis geschützt werden müssen. William Thackeray, Autor von Vanity Fair (Nein, nicht das Magazin, du Banause), fasst die Lage kurz zusammen:

“Stellen Sie sich einmal vor, daß jeder, der ein Unrecht begeht, entdeckt und entsprechend bestraft wird. Denken Sie an all die Buben in allen Schulen, die verbleut werden müssten; und darin die Lehrer und dann den Rektor. (…) Stellen Sie sich den Oberbefehlshaber vor, in Ketten gelegt, nachdem er vorher die Abstrafung der gesamten Armee überwacht hat. (…) Wie froh bin ich, daß wir nicht alle entdeckt werden. (…) Ich protestiere dagegen, daß wir bekommen, was wir verdienen.”

Es wäre sicher möglich hinter dieser Meinung eine Mehrheit zu versammeln, selbst im Land, in dem alles seine Ordnung haben muss – die schweren Delikte einmal ausgenommen. Pausenlos werden Räuber, Mörder, Kinderschänder hinter der nächsten Ecke vermutet. Tatsächlich popelt Onkel Horst meistens nur und Tante Jutta denkt lediglich selten daran ihm Rattengift in den Vitaminshake zu mischen. Doch nicht hier im Privaten liegt das Problem: Zwar sind sie alle an den intimen Details der Anderen interessiert, aber dennoch einig darin, dass die Privatsphäre geschützt werden sollte – allein schon aus Eigennutz.

Privates soll also privat bleiben; alle möglichen Organisationen, besonders aber staatliche Organe, sollen hingegen völlig transparent sein. Ich würde all dem zwar nicht vorbehaltlos zustimmen, hoffe dennoch den Zeitgeist richtig verstanden zu haben. Damit willkommen im Paradox. Jedes noch so kleine Detail wird Twitter, Facebook oder mindestens Google anvertraut; an allen Orten schießen Wohnblocks mit riesigen Fensterfronten aus dem Boden, die Cafés sind längst nicht mehr in schummrige Separées unterteilt, sondern komplett durchsichtig; und selbst die Hoteltoiletten sind inzwischen einsehbar. Man legt sich ein gläsernes Herz zu und fürchtet gleichzeitig, dass die Welt hineinschuen könnte.

Da werden jedem noch so kleinen Krämer fortwährend selbst die dunkelsten Genitalbereiche ins Gesicht gedrückt und die Empörung will nicht abreißen, wenn er erstens hinsehen und zweitens ein Geschäft daraus machen könnte. Aber für einige – und ich hoffe ich verstehe nach wie vor richtig – ergibt sich noch nicht einmal hier das Problem, sondern erst dann, wenn jemand anderes hinschaut, der gar nicht dazu berechtigt ist – also zum Beispiel dieser Obama. Es macht sicher einen Unterschied, ob ein Unternehmen zuschaut, der eigene oder aber ein anderer Staat. Zumindest mir wäre es am unangenehmsten, wenn der eigene Staat in mein seltsam wenig gläsernes Herz schauen würde. Alle anderen reiben sich währenddessen an den Amerikanern. Dabei ist deren Verhalten völlig nachvollziehbar.

Der eigentliche Skandal wäre das Ausspähen der eigenen Bevölkerung. Es sollte keine Neuigkeit und kein Skandal sein, dass eine Gruppe versucht sich durch das Ergattern von Informationen gegenüber einer Anderen Vorteile zu verschaffen. Ist es nicht viel skandalöser, dass wir keinen gut funktionierenden Auslandsgeheimdienst zu haben scheinen? Es darf meinetwegen darüber geklagt werden, dass sich die Menschen allzu oft nicht als Partner, sondern als Konkurrenten sehen. Hat man sich allerdings einmal mit dieser bedauerlichen Tatsache abgefunden, kann man trotzdem gut durchs Leben kommen, auch ohne auf dem Weg alle zu bescheißen. Die Kompetitivität hat in diesem Land etwas anrüchiges, obwohl sie sich doch bis ins Herz der Gesellschaft zieht. Man lebt sie, aber findet sie eigentlich nicht gut; Schuld sind wie immer diese importierten, amerikanischen Verhältnisse, ach wären sie doch deutsche Verhältnisse. Wenn doch die Amerikaner die Konkurrenz genauso verachten würden, wie es die deutsche Seele tut. Dann würden sie den NSA-Spuk beenden. Aber der Ami wird es schon lernen, wenn erst einmal die komplette politische Elite “enttäuscht” (De Maizière) ist und “wirklich im Mark erschüttert” (Bosbach). Und Obama, der Ex-Posterboy des deutschen Michels, entgegnet unbeschwert: “Die Leit’ sind halt noch ung’schickt. Es wird schon werden.”

Sowas “geht gar nicht”, findet indessen Frau Merkel, wohl wissend, dass es sehr wohl geht. Es ist der immanente Zweck des Geheimdienstes eine Sache, die gar nicht geht, zum Laufen zu kriegen. Hier darf natürlich kein Bisschen Transparenz herrschen. Einer Organisation, die exisitert, um Regeln zu brechen, würde Transparenz das Genick brechen. Ihr Dasein ist dennoch sinnvoll, was nun sogar die Deutschen eingesehen haben. Dabei muss die Regierung gar nicht so sehr die Geheimdienste fürchten, sondern nur, dass ihre Geheimnisse an die breite Öffentlichkeit geraten könnten; und dass es nicht verkehrt ist einige Dinge lieber hinter verschlossenen Türen zu sagen, das hat inzwischen selbst die Piratenpartei gelernt.

Dennoch ist es ein grundlegend anstrebenswertes Ziel die staatlichen Organe möglichst, aber eben nicht völlig transparent zu gestalten. Ich verstehe Menschen, die beim Abwägen des genauen Verhältnisses den Staat mit einer in Kritikfalten gelegten Stirn anschauen; ich verstehe niemanden, der darüber weint, dass Mark Zuckerberg sein gläsernes Herz gebrochen hat.

Glücklicherweise werden einige Geheimnisse wohl immer unentdeckt bleiben. Thackerays Vision ist offenkundig wunderbarer Blödsinn und wenn doch alles schiefgeht, dann sind am Ende wenigstens noch die Gedanken frei. Sollte diese letzte Barriere allerdings irgendwann kippen, könnten wir unsere Spezies wahrscheinlich eintüten. Der Kurzfilm The Gunfighter stellt dieses Szenario abschließend dar. Wer bis hier hin gekommen ist, muss ihn sich unbedingt angucken.

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This entry was published on 27/07/2014 at 23:59. It’s filed under Sonstiges and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

2 thoughts on “Die Grenzen der Transparenz

  1. der Film ist großartig. LOL. Dein Blog auch. :-)

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