Die Geschichte der gezogenen Zähne

Bis Montag wusste ich nicht, wie gerne ich kaue. Mampfen: Das war einmal. Was in mich rein soll muss gegenwärtig durch den Pürierstab und anschließend durch einen Halm. Verachte ich Luis Suárez? Nein! Ich beneide den Mann. Es hätte alles noch so viel schlimmer kommen können. Im Gegensatz zu Suárez ist mein Mund nur für etwas mehr als eine Woche gesperrt und ich weiß wo ich mich zu bedanken habe: Bei meinem Zahnarzt, der mir geschickt vier Weisheitszähne entwendete, und all diesen Tabletten, oh, diesen herrlichen Tabletten.

beimzahnarzt
Photo Matthew (cc by)

Wie schön es doch ist Schmerzen zu betäuben. Ich kann mich überaus glücklich schätzen im Jetzt zu leben, in dem die Anästhesie erfreulich weit entwickelt ist. Vor nicht allzu langer Zeit sah das noch bedeutend anders aus. Erst im 19. Jahrhundert gewannen die Betäubungsexperimente an Fahrt – und das durchaus gegen Widerstände: Für einige der Experten gehörte Schmerz schlicht zum Genesungsprozess, für andere war er Christenpflicht. Gott hatte die Frauen nun einmal zu Schmerz und Tod bei der Geburt verurteilt und das sollte laut Meinung der Herren Pfaffen doch bitteschön so bleiben. Die sollen sich mal nicht so anstellen, diese Weiber.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr sich Menschen an das Bestehende klammern, so horribel es auch sein mag. Nur um die Lage einmal zu verdeutlichen: Vor dem 18. Jahrhundert konnte man gegen faulende Zähne nicht besonders viel machen. Mussten sie raus, so wickelte man ein Bändchen um sie herum und zog sie damit langsam aus ihrer Verankerung. Damit der Patient abgelenkt war, wurde im Hintergrund auf eine Trommel geschlagen. Es ist nicht überliefert, wie gut das tatsächlich funktionierte.

dentalkey

Selbst Fortschritte wie der Zahnschlüssel (links) wirken heute nur noch gruselig. Er ist seit Mitte des 18. Jahrhunderts überliefert, wurde fest am Zahn angesetzt und anschließend einfach gedreht. Mit etwas Fortune sprang der Hauer dann aus seinem Loch, mit etwas Pech zerbröselte er und musste in Stücken wegsortiert werden – nach wie vor ohne Betäubung, versteht sich. Neben Glück war auch das Können des örtlichen Barbiers entscheidend. Bis ins 19. Jahrhundert gab es schlicht keine Ärzte, wie wir sie heute kennen und für das gemeine Volk war der Barbier eine Art Mädchen für alles, also keineswegs nur mit dem Entfernen von Haaren vertraut. Man ging zu ihm um zum Beispiel regelmäßig Blut zu lassen; der Aderlass galt damals als das, was heute der Einkauf im Biomarkt ist – man glaubte dadurch gesünder zu leben. Von Wundheilung bis hin zu Operationen: Alles übernahm der Barbier. Die Zähne, die er zog, hängte er sich als Reklame ins Schaufenster. Sie vermittelten den Passanten: Hier wirkt jemand, der gut Zähne ziehen kann.

Warum ein Zahn überhaupt faulte, davon hatte man lange keine Ahnung. Erst vor etwas mehr als hundert Jahren fand W. D. Miller heraus, dass es Bakterien sind, die unsere Zähne verderben. Vorher galt der mystische Zahnwurm als Wurzel allen Übels und zu allem Übel verwechselte ihn so mancher Barbier mit den Nerven, die er unter den Wurzeln fand. Die Mär vom Zahnwurm war nicht etwa ein randständiges, kurzzeitiges Hirngespinst: Man glaubte über Jahrtausende an ihn – vereinzelt sogar bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Mit all dem im Hinterkopf kann ich wohl kaum glücklicher sein, mit meinen Halmen, mit meinem Hauch von Schmerz und diesen wunderbaren, süßen Tabletten, die mir den Hauch von Schmerz zeitweise nehmen. Trotzdem habe ich immer wieder ein ungutes Gefühl, wenn ich zum Zahnarzt muss und ich kenne Leute, die ausgewachsene Phobien vor den Zahnklempnern haben. Natürlich ist nicht alles rosig in dieser Welt, aber die Zahnärzte von heute leisten vergleichsweise großartige Arbeit. Das sollte kurz festgehalten werden, als Momentaufnahme zwischen den beliebten Bildern des gierigen Abzockers, gegelten Schnösels und gewaltbereiten Menschenfeindes.

Als Bonus für die ganz Harten: The Redneck Dentist

Zeichnung: Christophe Francois Delabarre

Inspiration und Quelle für weite Teile dieses Textes ist der Blog The Chirurgeon’s Apprentice, den die Medizinhistorikerin Lindsey Fitzharris schreibt.

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This entry was published on 29/06/2014 at 13:43. It’s filed under Sonstiges and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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