Endlich alt

“Age is not all decay; it is the ripening, the swelling, of the fresh life within, that withers and bursts the husk.” – George MacDonald

In diesen Tagen knacke ich eine entscheidende Marke auf dem Weg ins biblische Alter aller Päpste und Parteivorsitzenden: Ich werde dreißig. Zugegeben, der Weg ist noch lang. Dennoch vergaß kaum jemand aus meinem Umfeld zu fragen, ob ich denn bereits eine zermürbende Furcht vor dem Umbruch ins hohe Alter entwickelt hätte. Ich musste stets leer in ihre Gesichter glotzen: Im Ernst? Was zur Hölle ist am Älterwerden eigentlich so schlecht?

alteralter
Photo Vinoth Chandar (cc by)

Aber natürlich: Unsere Haut legt sich in Falten; die Haare verfärben sich zunächst unschön, nur um anschließend auszufallen; wir schrecken immer öfter aus spontanen Nickerchen auf und müssen bei Familienfesten früher oder später erzählen, dass wir jetzt auch Rücken haben. Den Teil mit den Krankheiten habe ich schon verstanden. Wir sprechen darüber am besten, wenn ich sechzig werde.

Überhaupt haben vermeintlich diejenigen die dicksten Probleme mit dem Alter, die sich vor allem über ihre Körper definiert haben. Meinem Körper konnte ich noch nie trauen. Ich habe mir stattdessen andere Schwerpunkte setzen müssen: Geschwätz und das Mischen von Longdrinks auf Gin-Basis. Mit dreißig und als Journalist sind diese Fähigkeiten nun plötzlich gefragt. Man braucht nur auf diese Pressekörper zu blicken: Alle erfolgreichen Medienheinis kommen ohne Traumbodies aus.

“Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby werden wir alt sein…”

…und uns verdammt noch mal freuen, dass wir mit Julia Engelmanns Sorgenwelt nichts mehr zu tun haben. Mir widerstrebt allein schon die Grundhaltung: Was hindert mich daran auch im Alter noch aktiv zu sein, neues zu entdecken, aufgeschlossen zu sein? Nur wer sich aufgibt, muss das Alter fürchten.

Jörg Pilawa weint und er ist nicht allein. Überall entfaltet sich diese triefende Nostalgie. Diese ganze, verdammte Popkultur ist eine einzige Feier auf die Adoleszenz. Es ist eine Feier auf was genau? Die rosa Brille für wenige Momente abgesetzt; Heinz Strunk übernimmt:

“Ich [bin] viel näher an der Wahrheit dran, als diese Jugend-ist-geil-Propaganda. Viele Heranwachsende haben Probleme mit dem Erwartungsdruck, der auf ihnen lastet: Du musst cool sein, eine Freundin haben, die richtigen Klamotten tragen, dazugehören. Empfindsamere Gemüter, und die gibt es zuhauf, kommen da kaum mit – und werden zu spackigen Außenseitern degradiert.”

Nicht nur die Außenseiter sind es, die unsicher durch ihren Abnabelungsprozess meandern. Und trotzdem: Alt wollen alle nur werden bis sie achtzehn sind. Das ist Idiotie hoch neunzehn. Die Schnibbelprofis aus der plastischen Chirurgie leben von dieser Idiotie; im langen Sommer 2002 kam kein überregionales Qualitätsblatt an den Kanzlerhaaren vorbei; Allahs Idee mit den Jungfrauen ist schlicht beängstigend – wer von Verstand wünscht sich 72 Jungfrauen in sein Leben nach dem Tod?

Nichts ist schlecht am Alter. Im Gegenteil: Das Älterwerden hat mich stabiler, selbstbewusster, gelassener gemacht. Ich freue mich ohne einen Funken Zweifel über die große Dreißig und schaue gut gelaunt auf die kommenden Jahre: Es liegt noch eine Ewigkeit in der werberelevanten Zielgruppe vor mir und danach kann ich immer noch Cyborg werden.

“Peu de gens savent être vieux.” – François de La Rochefoucauld

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This entry was published on 15/06/2014 at 23:35. It’s filed under Sonstiges and tagged , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

6 thoughts on “Endlich alt

  1. Ich pflege zu sagen: “Das Alter ist nicht wichtig, außer du bist ein Käse.” ;-) Aber ich persönlich konnte dem älter werden bisher auch nur Positives abgewinnen! :)

  2. Vielen Dank für diesen wunderwunderbaren Text, den ich mir in 1,5 Jahren noch einmal durchlesen werde, wenn es bei mir so weit ist. Und: Alles Gute ;)

  3. Henning on said:

    Das freut mich. Vielen Dank für den Glückwunsch. Der große Tag ist inzwischen Vergangenheit und ich bin um die Erfahrung reicher, dass es keine gute Idee ist den karnivoren Verwandten eine Auswahl aus echten und falschen Knackwürsten aufzutischen ohne sie mit Gefahrenhinweisen zu beschriften. You live and learn.

  4. Steve on said:

    Ich werde junge Leute nie verstehen können, die sich ernsthaft mit gerade mal 30 Jahren als alt bezeichnen. Das ist so affig und bemitleidenswert. Der Alterungsprozess ist am 30. Geburtstag schon seit 3 Jahrzehnten am schalten und walten. Daher stellt der 30. Geburtstag weder ein Umbruch noch irgendeine andere Grenze dar. Die Panik vor diesem Geburtstag ensteht, weil man es letztendlich so will :-)

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