Unfreiwillig offline

Ein sechstagebärtiger Mann wandert auf dem Jakobsweg seiner Spiritualität entgegen. Er hat sein Smartphone zu Hause im Küchenschrank gelassen, er hat eine Abwesenheitsmeldung für sein E-Mail-Postfach geschrieben und in den einschlägigen sozialen Netzwerken die digitale Auszeit angekündigt. Endlich raus, die Zivilisation abstreifen und eins werden mit sich und dem Kosmos: Der Mann auf dem Jakobsweg, das war ich…

selbstfindung Photo Azlan DuPree (cc by)

…natürlich nicht! Mir würde so ein Quatsch nie einfallen. Als ich mich das letzte Mal selbst gesucht habe, war ich wahrscheinlich gerade in der Kneipe. Wohin ich auch schaue aber werden Flucht-Träume ausgelebt. Ich fühle mich ungewollt trendy. Dabei waren für meinen Kick in die Isolation lediglich lahmarschige Techniker nötig: “In einer Woche hast du ihn wieder, deinen Laptop”, sagten sie und ich habe ihnen geglaubt. Ich war jung und naiv. Also gab ich mein – ja, das ist wenig – einziges internetfähiges Gerät in ihre faulen Hände.

Fünfundzwanzig Tage sollte mein Martyrium andauern. Vorsichtig dosiert gab man mir immer wieder leichte Verzögerungen bekannt, um mich bei Laune zu halten – wohl wissend, dass Kunden ohne regelmäßige Vernetzung nicht lange durchhalten. Aber keine Sorge: Mir geht es gut; ich habe es überstanden. Was aber macht man über drei Wochen ohne Internet oder auch nur einen funktionierenden Rechner? Hölle, ich weiß es nun.

In den ersten Tagen war ich noch guter Dinge. Es regnete zwar, aber wir hatten wenigstens Frühling. Mein letzter Frühjahrsputz lag zwei Jahre zurück und da lohnte es sich gründlich zu entschlacken. Ich putzte Fenster und sortierte Insektenkadaver aus entlegenen Ecken. Ich duschte täglich und wusch die komplizierten Stellen mit besonderer Sorgfalt, dass die Eier nur so funkelten.

Nachdem alles sauber war, begann ich damit meine CDs und Schallplatten neu zu sortieren. Außerdem ordnete ich die weit über hundert funktionierenden Fernsehsender in ein System aus Gefallen und kosmischer Ordnung. Das Erste kam auf die Eins, das ZDF auf die Zwei und Pro Sieben auf 54, ganz in die Nähe von Sat1 Gold und Astro TV. Überhaupt verbrachte ich plötzlich ungewohnt viel Zeit vor dem Fernseher. Die Glotze wurde zu meinem Methadon. Ich weiß nun mit welchen Einschränkungen Senioren zu kämpfen haben, die weit vor Neuland gekentert sind. Meine Auszeit war also durchaus perspektiverweitend.

Vielleicht übertreibe ich ja einfach nur gern; vielleicht habe ich mich in der Offline-Zeit sogar einigen weniger banalen Tätigkeiten gewidmet und alles war schlußendlich doch gar nicht so miserabel. Ich hefte diese Möglichkeiten unbeantwortet in die X-Akten und hülle mich in zufriedenes Schweigen. Nun brauche ich nur noch dringend sehr viel Geld – allein schon aus Angst vor den Inkasso-Schlägern der Iron-Blogger, denen ich wochenlang das Schutzgeld verweigert habe. Wer mich trifft, darf mir gerne einen mitleidigen Blick und ein Bier ausgeben. Alle Anderen können hier spenden. Ich weiß, dass ich auf euch zählen kann.

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This entry was published on 23/05/2014 at 01:08. It’s filed under Satire, Sonstiges and tagged , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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