Verkracht mit dem stillen Freitag

“This stuff cannot be taken away from people. It is their favourite toy and it will remain that way as long as we are afraid of death. I am perfectly happy for people to have these toys; and to play with them at home; and hug them to themselves: They are not to make me play with these toys.” – Christopher Hitchens über Religion

Jedes Jahr wieder taucht irgendwo eine Schlagzeile über den Karfreitag und dessen Ruhegebot auf. Die Sache ist reichlich durchgekaut. Es scheint beinahe, als wenn die müden Kritiker nur noch sporadisch ihre Stimme erheben. Das Tanzverbot mag wie eine Lappalie wirken; tatsächlich aber steht es weit vorn in einer Reihe religiöser Privilegien, die der Staat nach wie vor stützt, doch nicht stützen sollte. Es ist eine Schande für unsere sekulare Gesellschaft.

schweigen
Photo Nuno Martins (cc by-nc-sa)

Was tut man nicht alles für die seelische Erbauung? Offenbar gehören Gegröhle und Gedänze nicht dazu, dafür aber Jesus und Heilungsgottesdienste in der Megachurch. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass Onanie für Seelenfrieden sorgt. So hat jeder seinen hoch-eigenen Weg zur Ausgeglichenheit. Der Grundgedanke ist leicht erklärt: Jeder sollte nach seiner Façon selig werden. Oder um es präziser und gegenwärtiger auszudrücken: Ich anders, du so, gut so. Leider gestaltet sich die Angelegenheit doch etwas schwieriger.

Ich hoffe, ich habe es richtig verstanden: Hauptargument für den stillen Freitag scheint das schwammige Wort Kulturtradition zu sein. Ich übersetze: Das haben wir immer so gemacht; das muss so bleiben. Es ist schwer einem solchen Denkmuster zu begegnen. Normen – vor allem auch in Gesetze gegossene Normen – sollten immer wieder neu verhandelt werden. Pures Alter macht kein gutes Argument. Die Verfasser des Grundgesetzes sahen sich noch einer fast ausschließlich christlichen Gesellschaft gegenüber; die Zeiten haben sich geändert.

Doch nicht nur Christen mischen sich unter die Verteidiger: Ich kenne Menschen, die zwar sonst nicht viel für das Christentum übrig haben, aber den stillen Freitag durchaus begrüßen. Vielfach habe ich gehört, dass es ja auch mal ganz schön ist, wenn an einem Tag im Jahr Ruhe herrscht. Verdammt, dann fahrt doch für einen Tag in den bayrischen Wald. Ich habe nichts gegen Ruhe und Entspannung. Wer hat das schon? Es geht darum, dass die Ruhe am Karfreitag befohlen wird und selbst dann zu herrschen hat, wenn sich eine Gruppe von Krachliebhabern in einer schalldichten Fabrikhalle zum Kreissägen-Konzert trifft.

Hier und da werden Verbote gelockert, in Bremen und Heidelberg zum Beispiel; anderswo werden sie verschärft, Hessen oder auch Bayern sind vorne dabei. Generell aber passiert nicht viel. Schuldig ist klar die Politik, die voller Furcht heikle Themen mit religiösem Anstrich umschifft. Anstatt endlich im 21. Jahrhundert anzukommen, Religion und Staat konsequent zu entkoppeln, wird an Gesetzen festgehalten, die rund ein Drittel der Gesellschaft zur religiösen Partizipation nötigen – sei es durch harte Dollars für die Bischöfe oder eben durch Spaßverbot.

Noch nicht genug vom Thema? Hinter diesem Link wird das alles noch etwas ausführlicher diskutiert. Mit dabei: Volker Jung (Präsident der Ev. Kirche Hessen und Nassau), Wolfgang Pax (Kommissariat Kath. Bischöfe, Hessen) und Michael Schmidt-Salomon (Philosoph, Giordano Bruno Stiftung).

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This entry was published on 19/04/2014 at 18:04. It’s filed under Sonstiges and tagged , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

3 thoughts on “Verkracht mit dem stillen Freitag

  1. Das Thema kenne ich doch woher – nur ist mein Anspruch der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Thema wohl geringer ;)

    Viele Grüße!

  2. Henning on said:

    Vielen Dank auch für deinen Text. Ich habe gerade erst festgestellt, dass ich ihn oben an der falschen Stelle verlinkt hatte. Dieser Fauxpas ist nun glücklicherweise behoben.

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