Meine erste Überdosis

“Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts.”Paracelsus

Wer hat schon einmal gegen Kopfschmerzen eine volle Packung Aspirin genommen? Wahrscheinlich nicht allzu viele. Den Übrigen wird spätestens beim Magen-Auspumpen ein Licht aufgegangen sein: Zu viel von einem Medikament zieht zu viel Wirkung nach sich. Natürlich gilt das nur für Medikamente, die überhaupt eine Wirkung haben. Unter dem Titel Nichts drin, nichts dran füllten sich diesen Freitag tollkühne Skeptiker flaschenweise mit Homöopathika ab. Ich war dabei – und ich habe es offenbar überlebt.

globuli
Photo Tim Reckmann (cc by-nc-sa) – ich habe das Rechte ausprobiert (8,30 Euro)

Es gibt Leute, die treffen sich zum Feierabendbier; es gibt Leute, die treffen sich zum Verzehr von Zuckerkugeln. Ich traf mich mit letzteren, der Hamburger Fraktion der GWUP – das ist die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Wir waren rund zwanzig und wir waren hungrig. Vor dem CCH in Hamburg lockte eine Mahlzeit aus zum Beispiel Arsen oder Arnica C30 – Überdosen diverser homöopathischer Mittelchen. Grund der Aktion war die internationale Woche der Homöopathie, die am Donnerstag begann. Wir tauschten munter durch und wir schlemmten uns die Mägen voll. Wirkung: Fehlanzeige. Das ist so weit kein Wunder, denn Homöopathika sind nichts anderes als Placebos mit irren Namen.

Pest, Pocken, Cholera und Konsorten sind hierzulande zum Glück keine ernstzunehmenden Gefahren mehr. Also bitte eine Runde Applaus für die sogenannte Schulmedizin und hohe Hygienestandards. Viele dieser erzüblen Krankheiten gibt es nur noch im Fernsehen und nicht mehr in der Nachbarschaft. Zu selbstverständlich ist es, dass Schulmediziner uns diese Geißeln vom Leib halten; zum Dank wird ihnen unablässig die Liste ihrer Fehler ins Gesicht gedrückt. Überall singt das Volk Loblieder auf die schwammige Alternativmedizin.

Die weißen Halbgötter haben an ihrem Bild sicher ein wenig mitgearbeitet. Wer aber zum Arzt geht und ein allwissendes Überwesen erwartet outet sich als lupenreiner Trottel. Ab und an eine zweite Meinung einzuholen ist sicher nicht die schlechteste Idee. Man darf sich dennoch sicher sein, dass die moderne Medizin und ihre Propheten Forschung und Fortschritt ernst nehmen.

Bei der Homöopathie sieht die Sache freilich etwas anders aus. Sie gründet auf den über 200 Jahre alten Ideen des Arztes Samuel Hahnemann und ist seitdem nicht grundlegend verändert worden. Was für Bahlsens Butterkeks ein Qualitätsmerkmal ist, darf innerhalb der Medizin getrost als Irrsinn bezeichnet werden: Hahnemann lebte in einer Welt, die noch nicht einmal von Viren wusste; die großen Entdeckungen der Medizin sollten erst noch kommen. Zwischen Aderlass und Höhensonne fügte sich die Homöopathie wunderbar ein.

Nach ihr wird Gleiches mit Gleichem behandelt: Gegen Husten sollte ein Arzt demnach ein Medikament verschreiben, das Husten hervorruft – allerdings in einer sehr niedrigen Dosis. Das ist überhaupt der besondere Clou von homöopathischen Medikamenten: Sie sind stark verdünnt – oft sogar so sehr, dass kein Molekül des Ausgangsstoffes mehr vorhanden ist. Die wichtig aussehenden Homöopathika aus der Apotheke sind also meist nichts anderes als Wasser oder Zucker.

“First you get the sugar, then you get the power.” – Homer Simpson (in memoriam Tony Montana)

Es konnte folglich nie nachgewiesen werden, dass homöopathische Mittel über den Placebo-Effekt* hinaus wirken. Wie sollten sie auch? In Deutschland werden nur Medikamente zugelassen, die eine belegbare Wirkung haben; Homöopathika sind davon allerdings ausgenommen: Nur deswegen stehen sie in der Apotheke und nicht in Thomas G. Hornauers Versandhandel neben den Porzellan-Engeln, wo sie zweifelsohne hingehören.

Zurück zum CCH: Ich amüsierte mich zwischen munteren Globuli-Gourmets, ließ mich von einem Kamerateam beim Kugeln-futtern filmen und dennoch hörte ich von weit weg das Gelächter der Hersteller: Wir hatten einen dreistelligen Betrag für unseren homöopathischen Zucker ausgegeben, nur um zu zeigen, dass je zehn Gramm Überdosis nichts mit uns anstellen. Ja, wir könnten am Ende wie die Doofen aussehen.

Allerdings sollte auch gerade das auf den Punkt gebracht werden: Warum wird für ein Nichts so viel Geld verbraten? Warum wird der Homöopathie weiter so viel unberechtigtes Vertrauen entgegengebracht? Warum lassen sich eine Reihe (Schul-)Mediziner und Apotheker – möglicherweise wider besserem Wissen – auf dieses scheinbar harmlose Abenteuer ein? Die Antworten liegen wahrscheinlich irgendwo im magischen Dreieck zwischen Bildungslücke, Ignoranz und Goldesel.

*Neulich unterhielt ich mich mit einer Apothekerin, die es mit der Ehre ihres Berufstandes nicht allzu ernst nahm. Sie hatte einen Beweis für die Wirksamkeit der Homöopathie: Auch bei Kindern und Tieren würden Homöopathika wirken, sagte sie, und das obwohl Kinder und Tiere nicht auf Placebos hereinfallen könnten. SoeinQuatsch.

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This entry was published on 13/04/2014 at 23:59. It’s filed under Hamburg, Sonstiges and tagged , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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