Schweden ruft

Die Pollen entlockten manchen Nasen wahre Schnodderströme; vor meinem Fenster prügelten sich bereits Meise und Rotkehlchen, dass ganze Betten aus Federn flogen. Vor Tagen schien es so, als wenn der Frühling endlich da wäre. Der Frühling aber spielte mit mir: Er lockte, doch er lieferte nicht. Dennoch hat dieser Hauch Frühjahr genügt, um mich nach Schweden zu wünschen; Schweden ist zu dieser Jahreszeit nämlich der schönste Ort der Welt.

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Photo Stephen Coles (cc by-nc-sa)

Schweden im Winter: Das ist einfach nur grausam. Dass mir jetzt niemand mit Quatsch wie Skiurlaub kommt oder mit irgendwelchen Lichterfesten im Dezember. Der schwedische Winter ist kalt, einfach sehr, sehr kalt; er ist dunkel und der Eingeborene deprimiert sowie besoffen. Auch die restriktive Alkoholpoitik hat daran nicht grundlegend etwas ändern können.

Holt man hierzulande Meinungen zu Schweden ein, bekommt man meist ein warmes Bullerbü-Bild gemalt, das mit der Hälfte des Jahres nichts zu tun hat. Ich füge das deswegen an, weil ihr es euch zweimal überlegen solltet bei einer dieser Auswanderungsshows mitzumachen. Mein Geheimtipp: Fahrt stattdessen nach Schweden, wenn es dort tatsächlich aussieht, wie in Bullerbü – also im Frühjahr und Sommer. Hier das obligatorische Werbebild:

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Photo Kjell Eson (cc by-nc-nd)

Noch nicht überzeugt? Keine Sorge, solche Bilder gibt es in Hölle und Fülle. Ich könnte diesen Post damit auf Bibellänge ausdehnen.

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Photos Bengt Nyman (cc by)

Normalerweise muss der Realitätsalarm bei Bildern dieser Art laut-dröhnende Warnungen ausstoßen. Man sollte meinen: Da wird ein Land verkitscht dargestellt. Aber halt! Schaltet den Alarm ab. Es sieht da tatsächlich so aus. Ich hatte in meinen Jahren in Schweden unzählige Male das Gefühl durch ungemalte Gemälde zu laufen oder versehentlich auf reizende Postkarten geraten zu sein. Schließlich geht es hier und jetzt um genau diesen Punkt: Es gibt dieses enorm angenehme Paradies wirklich – und es liegt noch nicht einmal weit entfernt.

Ich leugne keineswegs, dass in Schweden auch Orte existieren, die eher an Bielefeld-Gadderbaum erinnern. Mir fallen sogar eine ganze Reihe solcher Orte ein – zum Beispiel dieser hier:

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Photo Pieter Morlion (cc by-nc-nd)

Sieht aus, wie in Novosibirsk in der Борисельцин-Siedlung, gleich neben der stillgelegten Säuremanufaktur. Die Aufnahme stammt aber aus dem Göteborger Stadtteil Bergsjön – ein Problembezirk. Probleme haben sie in Schweden natürlich auch. Nur erstreckt sich direkt hinter den Problemen die blühende Natur. Bergsjön heisst übersetzt Bergsee und das ist nicht irgendein gewollt-motivationssteigernder Name – den Bergsee gibt es wirklich. Wenn schon drogenabhängig und ohne Perspektive, dann wenigstens mit Aussicht ins Tal. Aber beiseite mit den zynischen Vokabelspielereien: Immerhin versuche ich hier eine blumige Phantasie aufzubauen; ich will doch nichts weiter, als für einen Moment zurück in das kitschige Skandinavien meiner Erinnerung.

Schweden ist zur warmen Jahreszeit nur schwer zu übertreffen; und deswegen muss ich dringend Wege finden mit Diamanten verunreinigte Goldquellen anzubohren, so dass ich mich jährlich für ein paar Monate in eines dieser roten Sommerhäuser zurückziehen kann. Bis es so weit ist, werde ich auch weiterhin jedes Frühjahr die Augen schließen und mich dorthin wünschen: Mit frischer Luft in der Nase, irgendwo zwischen See und ausgedehnten Nadelwäldern, neben schönen Menschen in schöner Kleidung, die sich in schönen Häusern zur Kaffeepause treffen. Also Augen zu und los.

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Die Göteborger Schären und ich – auf der Styrsö

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This entry was published on 06/04/2014 at 23:58. It’s filed under Sonstiges and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

2 thoughts on “Schweden ruft

  1. afracooking on said:

    Mein alter job hat mich oft nach schweden gefuehrt – ich durfte viele huebsche flecken sehen aber habe auch zeit verbacht in trostlosen business hotels in grauer umgebung. Mein letzter besuch bei freunden schon wieder fast zwei jahre her – aber das war das schweden deiner sonnenuerfluteten fotos. Danke fuer die schoenen erinnerungen :-)

  2. Henning on said:

    Warum sind Businesshotels eigentlich immer hässlich? Das scheint wirklich überall so zu sein. Hat das Gründe? Vielleicht, dass man sich in langweiliger Umgebung besser auf das Wesentliche, nämlich das Geschäft, konzentrieren kann?

    Ich hoffe natürlich, dass ich vor allem Erinnerungen an die besseren Momente in Schweden triggern konnte und weniger an die Businesshotels.

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