Mein Freund Florian vom andern Stern

Es ist still geworden um die volkstümliche Musik: Der Musikantenstadl – inzwischen auf vier Folgen pro Jahr zusammengestrichen, der Grand Prix der Volksmusik – eingestellt, Karl Moik – möglicherweise bereits verstorben.* Lediglich Florian Silbereisen ist noch voll dabei und das nicht nur im Fernsehen. Jedes Jahr tourt er mit einer Truppe gealterter Stars quer durch die Republik und lädt in längst vergessene Stadthallen – ein Event, das man unbedingt einmal gesehen haben muss. So dachte ich zumindest, als ich an jenem unheiligen Februarabend zum Überraschungsfest der Volksmusik nach Düsseldorf fuhr.

ueberraschungsfestPhoto Dr. Zaro (cc by-nc)

Philipshalle, circa 18 Uhr – Glücklicherweise bin ich früh dran und habe Zeit mich an alles zu gewöhnen. Butterbrote ✓, Thermoskanne ✓, Flachmann für Notfälle ✓. Es kann losgehen. Die Eingeborenen wirken noch etwas reserviert, scheinen aber guter Dinge. Es säuselt eine Beatles-Medley aus den Boxen: Erst Can’t Buy Me Love, dann Obladi-Oblada. Ersteres erscheint mir in dieser Umgebung etwas unglaubwürdig; letzteres trifft die Stimmung schon eher.

18:34 – Der kastenförmige Roboter einer Securityfirma, hier als Gästeservice betitelt, steht vor dem Backstageeingang. Normalerweise bieten diese Leute als Service unfreundliche Kommentare und den Rauswurf an. Anders heute: Der Mann ist so voller Liebe und Frieden, er wäre eine Bereicherung für jede Gruppe Dreadlockhippies auf dem Weg zum Bäume umarmen. Er hilft gern, wenn jemand eine Frage hat. Die Gäste gehören, wie erwartet, nicht mehr zu den Jüngsten. Da ist man dankbar für so etwas. Aber Halt, was ist das? Ein Mädchen im Grundschulalter! Das Kind und ich, wir sind wahre Exoten. Zwischen uns und dem Rest des Saals liegen zwei Kriege.

18:56 – Von besonderem Interesse ist für mich aber das Warten auf die Sitznachbarn. Ich hatte mir vorgenommen dazuzugehören, mich mit der Szene zu verbrüdern. Als es schließlich zum Erstkontakt kommt, knicke ich ein. Wir beschränken uns auf eine sorgfältige Musterung. Ein Geruch von Tod oder Kölnisch Wasser legt sich über mich. Es ist beinahe unnötig zu erwähnen, dass es sich bei meinen Sitznachbarn um ein altes Ehepaar handelt.

19:30 – Endlich, auf ihn haben hier alle gewartet. Der Vorhang geht auf und “Deutschlands jüngster Showmaster” betritt die Bühne: “Liebe Damen in Düsseldorf, ich bin nur mit Ihnen verabredet.” Schneetreiben setzt ein. Silbereisen kippt Schnee aus Eimern ins Publikum: Nehmt das und werdet high, girls. Den Stoff können wir brauchen. Das wird bereits bei der Vorstellung der Stars des Abends deutlich: “Er wird sie zu Tränen rühren.” Die Rede ist von Patrick Lindner, der genau wie Wencke Myhre zur Abteilung der Veteranen zählt. Ich freue mich aber besonders auf Sepp Maier. Sepp wird heute den Kasper spielen. Neben einigen weiteren, ist auch das Deutsche Fernsehballett mit dabei. Mich wundert, dass so etwas noch existiert. Ich war davon ausgegangen man hätte es nach dem Ende von Musik liegt in der Luft gemeinsam mit Dieter Thomas Heck begraben – irgendwo weit weg und tief, mit Knoblauchkränzen über den Zugängen zur Gruft.

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Photo bgblogging (cc by-nc-sa)

19:47 – Drei bajuwarische Landjugendliche entern wild entschlossen die Bühne. Da steckt echte Power drin. Das ist jung, das geht nach vorn. “Rechter Arm in die Höhe”, animieren die Dorfrocker. Das können die Leute noch immer. Die Jungs bitten hinterher aber auch noch um den Linken. Wer zwei Arme gleichzeitig heben kann, erntet neidische Blicke.

19:50 – Der eine Sänger der Dorfrocker ist Grundschullehrer und kann verschiedene Münzen am Klang erkennen, wenn er sie hochschnippt. Crazy Typ. Über die Dorfrocker hat man ein Video aufgenommen. Wer die drei Jungs aber in irgendeiner bayrischen Postkartenlandschaft erwartet hätte, wird enttäuscht. Sie haben sich vom Veranstalter anscheinend einen Urlaub in Las Vegas finanzieren lassen. In einem Souvenirshop konnten sie einen Cowboyhut erstehen, den sie Florian nach dem Film überreichen. Ich bin gerührt.

20:04 – “Countrymusik ist ja auch Volksmusik”, leitet Florian ein und ich halte mich schon mal fest. Es folgt eine eigenwillige Interpretation der bekannten amerikanischen Volksweise Country Roads. Vier Bayern mit komischen Hüten wünschen sich nach West Virginia. Na, sollen sie doch. Florian hat sich vorher, während des Solo-Auftritts der Dorfrocker, extra umgezogen – wie Madonna der Kerl. Keiner der Songs scheint länger zu sein als eine Minute und dreißig Sekunden. Die Aufmerksamkeitsspannen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Mir ist es nur recht. Leute schleppen sich in Richtung Bühnenrand und übergeben Florian Blumen. Nein, Moment! Was ist das? Es sieht aus wie Spargel in Frischhaltefolie. Recht so, der Junge muss doch genug essen bei dem ganzen Tourneestress.

20:09 – Gerade hat Florian die chinesische Sängerin Ling anmoderiert. Schon wieder bringen Leute Blumen. Ling kriegt im Gegensatz zu Florian allerdings echte. Das ist wie ein einziges Mantra bei Ling: “Wiedersehen ist wunderschön.” Chor: “Wunderbaaar und schööön.” Fünfzig mal wiederholt und dann runter von der Bühne mit der Kitsch-Kanone aus Fernost. Ein Gefühl sagt mir, dass wir uns heute noch wiedersehen werden.

20:14 – Nun Spannung: Florian und Sepp treten mitten im Publikum auf. Sepp hat ein rotes Paket dabei. Was ist nur besonderes drin in diesem geheimnisvollen Paket und wer darf es aufmachen? Kommen sie vielleicht sogar zu mir? Sepp sagt er will dafür “unbedingt eine Frau” haben. Der Mann weiß, wie man Träume zerstört. Stattdessen erfüllt sich ein Traum für Rebecca, eine Frau mittleren Alters, gemessen an dieser Veranstaltung. Sie sieht aus, als wenn es für sie schon einmal bessere Zeiten gegeben hat, zumindest bis zu genau diesem Moment. Etwas aufgeregt wird das Paket geöffnet und es ist entgegen meiner Annahme nicht mit Glasperlen gefüllt, mit denen ihr der findige Maier die Jagdgründe der Vorväter abkaufen will. Nein, dort drinnen liegt lediglich eine Moderationskarte, deren sogleich gekonnt moderierter Text die gute Rebecca zu einem Auftritt bei eben dieser Veranstaltung nötigt. Florian und Sepp sprechen allerdings nicht von Nötigung. Sie nennen das “ein Geschenk.” Ich habe bereits seit längerem den Eindruck, dass man Gutscheine nur dann verschenkt, wenn man keine Zeit hatte sich um ein richtiges Geschenk zu kümmern. Rebecca wird von Sepp in den Backstagebereich geleitet. Niemand hat uns verraten, was mit ihr passieren wird. Ob wir sie wohl jemals wiedersehen? Oder müssen wir morgen in der Zeitung lesen: “Ahnungslose Rentnerin von Volksmusikern verschleppt. Welche Rolle spielte dieser ergraute Torhüter?” Daneben dann ein abgenutztes Bild aus dem Panini-Album von 73.

20:23 – Weiter geht es mit Ling. Wiedersehen ist schließlich wunderschön. Dieses Mal spielt sie aber nur Klavier und spricht ein bißchen mit Florian. Wir erfahren, dass sie die “wunderschönen, deutschen Volkslieder” mag. “Sie gehen einem so schön ans Herzen.” Wo sie recht hat, hat sie recht. Immer wenn Klaus und Klaus “Klingeling, hier kommt der Eiermann” singen, kommen mir die Tränen. Auch gut: “Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord” oder “Country Roads”. Florian schlägt Ling derweil eine Zugabe vor. Sie tut wie der Showmaster gebietet, ganze dreißig Sekunden und aus. Ling schleicht von der Bühne und mein Sitznachbar bemerkt aufmerksam: “Die hat ja ihr Geschenk vergessen.” Was wird jetzt aus den schönen Blumen und eingetupperten Gulaschtöpfen?

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Photo Boca Dorada (cc by-sa)

20:29 – Florian Silbereisen treibt es inzwischen immer bunter. Er trägt bereits seinen dritten Anzug und kündigt Roy Style an – auch so ein Pornoname. Mit Roy wird das Actionsegment der Show eröffnet. Er nennt sich Magier und lässt sich mit Latten auf den Bauch schlagen. Das sind nicht gerade Balken. Nun ja. Als genug Holz zerbrochen wurde, wird Rebecca auf die Bühne geschickt. Roy sagt: “Ich habe ein Bett für Sie vorbereitet.” Diese Art von – ja, tatsächlich – Frivolität kommt beim Publikum nur allzu gut an. Sepp Maier hatte vorher bereits mit vergleichbaren Anzüglichkeiten eingeheizt und Punkte gesammelt.

20:35 – Die allgemeine Munterkeit ebbt leider viel zu schnell ab, als klar wird, dass es sich um ein Bett aus Säbeln handelt. Besonders Rebecca wirkt nun angespannt. Ihre Stimmung bessert sich auch durch Roys Schärfedemonstration nicht sonderlich: Eine Gurke segnet dabei das Zeitliche. Zum Test legt sich erst einmal Florian ins Bett und er überlebt knapp. Das muss Magie sein. Gleich hinterher ist Rebecca an der Reihe. Auch sie bleibt unversehrt, abgesehen von möglichen seelischen Schäden. Als wenn die Moderationskarte von vorhin noch nicht genug gewesen wäre, drückt man ihr dafür obendrauf noch Florians Glückstasse, sein Glücksherz sowie den Glücksteddy in die Hand. Die drei Geschenke werden zeitgleich auf den Videoleinwänden eingeblendet, mit Preisen und dem Hinweis, dass es all das gegen harte Währung auch im Foyer gibt.

20:42 – Jetzt kommt endlich Patrick Lindner zu seinem Auftritt. War er nicht einmal das, was Florian Silbereisen heute ist und ist er vielleicht nur deswegen nicht mehr der große Star der Volksmusik, weil er sich zu seiner Homosexualität bekannt hat? Ist nur so eine Idee. In jedem Fall ist er ein noch größerer Schleimer als Florian. Allerdings hat Lindner auch schon gut über zwanzig Jahre Übung darin. Er ist sozusagen mit allem Schleim gewaschen. Auch ist er der Erste, der es versteht Blumen anzunehmen. Er kriegt nicht nur einen Strauß, sondern ebenfalls etwas, das wie in Silberpapier abgepacktes Fleisch aussieht. Aber man braucht auch nicht alles zu wissen. Ich will darüber die Frischhaltefolie des Schweigens legen.

20:46 – Lindner ist fertig, Florian erscheint in seinem inzwischen vierten Anzug. Ich verspreche mir nicht mehr zu zählen. Es folgt einmal mehr Spaß mit Sepp. Er sucht wieder Damen fürs Bett. Dieses Mal ist es sogar ein Richtiges. Sepp fischt sie aus dem Publikum und führt sie dem im Bett liegenden Florian zu. Dreizehn Stück kriegt er zusammen. Eine ist merklich jünger als die anderen und merklich Teil der Zirkustruppe. Sie animiert überengagiert kräftig beim folgenden Lied, das Florian aus dem Bett heraus singt. Miese Schmierenkomödie. Eigentlich nicht überraschend, aber schon ein wenig schade bei einer Veranstaltung, die sich “Überraschungsfest” nennt. Wie wäre es stattdessen mit einem wilden Rentnersexfest gewesen? Gang Bang Action untermalt mit Zithermusik – eine Bühnenversion von Dirndljagd am Kilimandscharo zum Beispiel.

“Ich weiß nicht, wie ich das tittulieren soll!?” – Originalzitat aus Dirndljagd am Kilimandscharo, leider unausgesprochen beim Überraschungsfest der Volksmusik.

20:51 – Schon wieder Lindner: Er singt Tulpen aus Amsterdam. Immer wenn ich das höre, muß ich an eine Coverversion der Wattenscheider Punkband Die Kassierer denken. Bei denen heißt es allerdings Haschisch aus Amsterdam. Ich summe mit und freue mich heimlich.

20:53 – Lindner kriegt Gesellschaft von den Dorfrockern, hinterher Ling und sogar den Randfichten. Gedränge entsteht. Schließlich stößt noch Sepp dazu und singt Fußball ist unser Leben. Das Ballett unterstützt in Trikots gekleidet. Zum großen Finale taucht endlich auch Florian auf und stimmt mit allen gemeinsam Hoch auf dem gelben Wagen an. Seit Sepps Song werden immer wieder große Fußball-Ballons ins Publikum gekickt. Rentner ducken sich in Panik. Pause.

21:05 – Von meiner Seite aus hat es mit der Nachbarschaftsverbrüderung bisher nicht so recht geklappt. Gut, dass es die Nachbarn sind, die jetzt den ersten Schritt wagen: “Du schreibst ja alles mit!?” Schlagfertige Antwort: “Öhmm, nun ja, nicht alles.” “Du hast wohl Alzheimer!” Amüsement auf den hinteren Rängen: Der Alien kriegt sein Fett weg. So weit ist es also gekommen: Von Senioren gemobbt. Weiter nach unten in der sozialen Hackordnung geht es jetzt nicht mehr.

21:30 – Die Show wird fortgesetzt. Höchste Zeit. Ich hatte Angst die Sitznachbarn würden mir bald mein Pausenbrot abziehen. Ihre Blicke sagen: Dich kriegen wir später auf dem Heimweg, du Opfer. Auch Wencke Myhre scheint es nicht so gut zu gehen. Sie ist heute erkältet, jammert aber nicht. Wencke ist da ganz Profi. “Ich bin sehr gern in Düsseldorf”, lässt sie uns wissen. Ich glaube ihr aufs Wort und schaue deswegen beim folgenden Film über ihren Alltag wohlwollend zu. Ein Kamerateam war bei ihr in Skandinavien und durfte die ganzen Enkelkinder filmen. Das ist noch eine Künstlerin vom alten Schlag, die ohne zu zögern für die Karriere ihre Familie ausbeutet – sei es auch nur für die Restkarriere. Einmal mehr sammelt Wencke Pluspunkte bei mir. Wer sich so reinhängt, der hat meine Liebe verdient. Dann quält sie sich beim Singen auch noch schlimm mit ihrer Erkältung. Ich leide mit.

21:49 – Florian hingegen kennt keine Gnade. Er fordert Wencke auf “alle ihre Hits” zu singen. Es folgt ein Medley aus drei Liedern. An dessen Ende wird sie von drei Tänzern des Fernsehballets und dem verkleideten Soundmann über die Bühne getragen – in einem knallroten Gummiboot. Ein Lied wurde dabei aber tatsächlich vergessen: Als Zugabe packt sie Er steht im Tor obendrauf. Da Sepp zugegen ist, singt er passenderweise gleich mit. Ich erkläre den Mischer zu meinem Mann des Abends, weil er Sepps Mikro weise weit, weit nach unten gedreht hat.

22:53 – Der Abend schnellt vorbei und plötzlich ist alles zu Ende: “Dankeschön, sie waren bezaubernd”, lügt Silbereisen zu meinem Wohlgefallen. Das Abschiedslied läuft. Dazu die derbsten Rhymes: “Kommen sie gut nach Haus, denn uns’re Show ist nun fast schon aus.” Er sagt Servus. Die ersten rennen überhastet zu den Toiletten. Heile Welt vorbei. Draußen ist wieder nur Düsseldorf.

*Nachtrag: Karl Moik war noch am Leben, als dieser Artikel veröffentlicht wurde.

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This entry was published on 02/03/2014 at 23:56. It’s filed under Satire, Ungewöhnliche Orte and tagged , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

2 thoughts on “Mein Freund Florian vom andern Stern

  1. der leichte, lockere = fluffiger text (meine nicht flach und sinnentleert) erheiterte ungemein und überforderte gerade am anfang eines langen tages nicht ;)

  2. Henning on said:

    Ich sorge mich bei Blogeinträgen in dieser Länge immer wieder, dass im 21. Jahrhundert doch niemand mehr eine passende Aufmerksamkeitsspanne für so etwas hat. Es freut mich daher umso mehr, dass du ihn magst.

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