Mein Abend bei der Scientology

Es ist Winter. Nieselregen aus grauem Horizont wässert die deutsche Scholle. Ich bin schon wieder in den Blitzer an der Sternbrücke geraten. Freunde und Bekannte lachen mich aus – ein Elend aber auch. Wenn es doch nur einen Weg gäbe, dem deprimierenden Winteralltag zu enfliehen, hinein in ein besseres Leben? Experten unter den Fluchthelfern sind – neben so einigen Schnapsbrennern – ganz eindeutig die Religionen. Ich wollte es diese Woche mit der Scientology probieren und besuchte die Jünger L. Ron Hubbards in ihrer “Kirche” an der Hamburger Domstraße.

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Photo Ingmar Zahorsky (cc by-nc-nd)

Gern tauschte ich die unfreundliche Winterkühle gegen einen Stehplatz an der Rezeption im hellen und vor allem warmen Scientology-Center. Bis hier hin war mein Besuch ein voller Erfolg. Es sollte aber noch besser kommen. Ich hatte mich noch gar nicht richtig umgesehen und schon trat ein freundlicher, junger Mann an mich heran, der mir seine Hilfe anbot. Ja, sagte ich, er könne mir helfen. Bereits vor meinem Besuch hatte ich mich kundig gemacht: Ich interessierte mich für den kostenlosen Persönlichkeitstest, um endlich herauszufinden, wo es in meinem Dasein besonders hakt. Der freundliche, junge Mann war gut vorbereitet. Im Handumdrehen hatte ich einen Fragenkatalog, einen Antwortbogen und einen Stift vor mir liegen. Es konnte losgehen.

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Photo goingchurching (cc by-sa)

Mir stach zunächst der Name des Tests ins Auge: Oxford Capacity Analysis. Das klingt verdammt seriös. Tatsächlich hätte man ihn genauso gut Paderborn Capacity Analysis nennen können. Mit der University of Oxford hat all das ebenso wenig zu tun, wie mit wirklicher Wissenschaft. Aber ich sah darüber hinweg und machte mich begierig an die Fragen heran. Zu jeder Frage gab es drei Antwortmöglichkeiten: Zustimmung; Neutralität; Widerspruch. Zum Beispiel: “Bringt eine unerwartete Handlung ihre Muskeln zum zucken?” Auch schön: “Hat gefühlvolle Musik eine ziemlich starke Wirkung auf Sie?” Oder mein Favorit: “Wenn Sie in ein anderes Land einfallen würden, würden Sie dann Kriegsdienstverweigerern in jenem Land wohlwollend gegenüberstehen?”

Die Zeit floss zähflüssig dahin, aber ich hielt mich wacker. Ich gab den ausgefüllten Test schließlich an der Rezeption ab und durfte die Wartezeit bis zu meinem persönlichen Auswertungsgespräch mit einer Reihe Werbefilmen verbringen. Zum Beispiel mit diesem hier:

Merke: Liebe gut, Hass schlecht. Ein Film überbot den Nächsten. Gemeinplätze gaben sich die Klinke in die Hand; schöne Menschen bewegten sich durch abwechselnd warme und düstere Farben, getaucht in gefühlvolle Musik. Gefühlvolle Musik begann langsam eine ziemlich starke Wirkung auf mich zu haben: Ich wollte am liebsten in ein anderes Land einfallen.

“Der Weg zum Glücklichsein ist für jene, die wissen, wo die Ränder sind, eine Schnellstraße.” – aus dem Leitfaden zu besserem Leben.

Schließlich war es so weit: Der Moment der Wahrheit über meine Persönlichkeit. Meine Antworten waren in Nullkommanix ausgewertet worden. Der freundliche, junge Mann bat zum Gespräch. Leider sah es nicht besonders gut für mich aus. Guten Charaktereigenschaften wie Sicherheit, Aktivität und Durchsetzungsvermögen standen desaströse Werte in den meisten anderen Kategorien gegenüber: Instabil, deprimiert, nervös, unverantwortlich, zu kritisch, zurückgezogen – all das bin ich. Meine Kapazitätsanalyse erkannte gewaltiges Verbesserungspotenzial.

Und? Wie steht es mit Ihnen? Sind Sie manchmal nervös? Oder deprimiert? Nun ja, wahrscheinlich schon. Und fehlt auch Ihnen irgendwas? Der Glanz und die Intensität, dieser nicht alltägliche Spaß? Fanny van Dannen rät zur Genesung in die Oper zu gehen, der Mann von der Scientology empfiehlt mir einen Kurs und ein Buch zum Abbau meiner Konzentrationsprobleme. Ich winke ab und beraube mich einer weiteren Chance mein Leben endlich in den Griff zu kriegen.

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