Die Ödnis der Abfahrt

Es gibt Ereignisse auf dieser Welt, die nur schwer zu ignorieren sind. Momentan gehören die olympischen Winterspiele in Sotschi dazu. Dabei bemühe ich mich wirklich um meine Ignoranz: Wann immer ich Bilder von irgendwelchen Pisten sehe, wann immer ich die euphorische Stimme irgendeines Sportreporters höre, rührt mein Magen bereits den Auswurf an. Sport an sich ist meistens schon nicht sonderlich interessant; der Wintersport aber setzt der Langeweile die Krone auf.

sochisochi
So(ts)chi 2014 – ungefähr so interessant wie Bügelperlen. Photo Artis Rams (cc by-nd)

Manchmal habe ich den Eindruck ich schreibe in diesem Blog zu oft über Dinge, die mich nerven. Vielleicht sollte ich mehr Worte in etwas investieren, für das ich wirklich brenne. Ja, vielleicht. Deswegen reiche ich dem Sport am besten gleich zu Beginn die Hand. Es gibt nämlich durchaus Sportarten, die ich schätze – ganze drei: Darts, Snooker und Fußball.

Während die Gemeinsamkeiten der Präzisionssportarten Darts und Snooker auf der Hand liegen sollten – Pubs und ein paar sauber gezapfte Pints – scheint der Fußball auf den ersten Blick nicht richtig ins Bild zu passen. Es geht mir hier zunächst auch gar nicht so sehr um das Sportliche; es geht mir um das Drumherum. Alle drei Sportarten leben vor allem auch von ihrer Theatralik, von den Allüren ihrer Stars, vom Tamtam des Umfeldes. Das sind alles Punkte, die mich früher selbst für Wrestling eingenommen haben und die mich potenziell an Boxkämpfen oder einigen amerikanischen Sportarten interessieren könnten.

Beim Fußball kommt noch die Tatsache hinzu, dass er in seiner heutigen Form mit einer ziemlich großen Variationsbreite gespielt wird. Auch wenn sich einige prominente Vertreter dieses Sports nach wie vor um ein gegenteiliges Bild bemühen, kann man als kompletter Vollidiot gegenwärtig kein übermäßig starker Fußballer mehr sein. Ja, man darf über Typen wie Ronaldo, Ibrahimović oder Ribery aus verschiedenen Gründen lachen; eine moderate Intelligenz ist ihnen aber wohl nicht abzusprechen und die brauchen sie auch, um als integrale Bestandteile das komplexe Spiel ihrer Topteams am Laufen zu halten. Ein guter Spielzug im Fußball kann wie ein Kunstwerk erscheinen, die Verbindung von mehreren wie Sätze einer Symphonie. Dieser Punkt gilt übrigens auch für Snooker.

Ihr erinnert euch: Ich versprach dem Sport die Hand zu reichen und glaube das mit dieser Lobhudelei gebührend getan zu haben. Was aber macht Sport und im besonderen die Winterspiele nun aber so höllisch langweilig?

Die Hauptschuld liegt klar bei den Individualsportarten. Wer kann den Stein am weitesten schmeißen? Wer kann den Abhang am schnellsten herunterstürzen? Wer kann die verrücktesten Pirouetten drehen oder wer vermag am meisten Blut aus seinem Körper herauszuholen? Selber mitzumachen kann zwar durchaus auch Spaß bedeuten, aber anderen dabei zugucken, wie sie mehrmals im Kreis laufen, ist für meinen Geschmack trocken wie Hausstaub. Wenn ich sie wenigstens zwischendrin vom Weg abbringen könnte, wie Katzen mit Laserpointern; ich wäre sofort begeisterter. Aber nix da. Die kernigen Muskelpakete sprinten wie gute Rennpferde hirnlos über den Tartan.

Der Wintersport setzt nun noch einen drauf. Im Wesentlichen handelt es sich dabei nämlich um verschiedene Arten von Geschlitter auf gefährlich glattem Untergrund. Etwas gemeiner ausgedrückt: Die Olympiafans schauen ein paar Wochen lang Leuten beim ausrutschen zu. Das Theater erschöpft sich im Bombast, die Protagonisten powern sich stupide aufs Treppchen, um sich dort mit güldenen Medallien behängen zu lassen. Ich glaube der Landvogt von und zu Rügenwald ist im Spätmittelalter mit so etwas rumgelaufen. Die Medaillengewinner stehen damit einmal mehr in einer Reihe mit bekranzten Galoppern, die gerade das große Derby gewonnen haben.

Ich könnte mir aus den oben genannten Gründen vorstellen Sportarten wie Eishockey oder vielleicht Curling etwas abzugewinnen. Bis es so weit ist, fülle ich mein Leben aber lieber mit anderen Dingen. Die Frage nach einem Boykott der olympischen Winterspiele in Russland stellt sich für mich nicht. Ich boykottiere sie an jedem Austragungsort: Schuldig der Verbrechen gegen gutes Entertainment.

All jenen, die ein großes Sportereignis benötigen, um festzustellen, dass es um die Menschenrechte in Russland nicht sonderlich gut bestellt ist, kann ohnehin nicht geholfen werden. Nun wird sich ein paar Wochen lang empört und ab dem 24. Februar suchen sich die Medienheinis wieder andere Themen, die unserer Empörung bedürfen. Dabei ist das wirkliche Verbrechen bisher ungeahndet geblieben. Alles muss heutzutage einen Slogan haben. Der von Sotschi lautet: Hot. Cool. Yours. Ich plädiere für eine schnelle Änderung in Hot. Cool. Up Yours.

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This entry was published on 09/02/2014 at 23:41. It’s filed under Sonstiges and tagged , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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