Potzblitz! Reklame im Simplicissimus

Der wöchentlich erscheinende Simplicissimus war die maßgebliche Satirezeitschrift im ausgehenden deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik. Eigentlich als Literaturblatt gegründet, fanden dort zahlreiche noch heute namhafte Autoren eine Heimat: Erich Kästner, Hermann Hesse, Heinrich und Thomas Mann zum Beispiel. Gut also, dass inzwischen alle Ausgaben online stehen, so dass ich ausgiebig darin stöbern konnte. Fasziniert haben mich dabei vor allem die damaligen Werbeanzeigen, von denen ich euch gleich einige vorstellen möchte. Zunächst aber ein paar Worte zum Kerngeschäft des Blattes: der Satire.

deutschlernen

“Die Nachkommen der Borussen (Preußen): Deutsch müßt ihr lernen, Polenbande! Wir Preußen haben es ja auch lernen müssen.”

Die preußische Polizei treibt Polenkinder in die Schule: Um das vollends zu verstehen braucht man zwei Informationen. Auf preußischem Staatsgebiet lebten zahlreiche Polen, denen mit Nachdruck das Polnische ausgetrieben werden sollte und alles Deutsche nahegebracht, um es einmal freundlich zu formulieren. Zweitens waren die Preußen ein ursprünglich slavisches Volk, deren Land irgendwann an das von den Hohenzollern regierte Brandenburg fiel. Der damalige Kurfürst von Brandenburg wurde anschließend König in Preußen. Warum das so war und warum gerade der Name Preußen hängen blieb soll an dieser Stelle keine Rolle spielen. Interessierte können es hier nachlesen. Eventuelle Verbindungen zwischen Zeichnung (1906) und Gegenwart dürft ihr gerne selber ziehen.

Ein bisschen Hintergrundwissen hilft also durchaus bei der Lektüre des Simpl, wie die Zeitschrift volkstümlich genannt wurde. Wer sich aber hin und wieder die Mühe macht etwas nachzuschlagen wird mit einem wunderbaren Blick in die damaligen Verhältnisse belohnt. Viele der Witze wirken zwar nicht mehr so gewagt und urkomisch, wie sie es einmal waren. Dafür findet sich tonnenweise Amüsantes in einem Teil des Blattes, der für Humor eigentlich gar nicht vorgesehen war: Der Werbung.

korpulenz

Gesundheitsthemen waren und sind ein Renner. Damals wie heute war die Fettleibigkeit ein besonders beliebtes Kampfgebiet; damals wie heute hatten nicht alle Leute Lust auf gute Ernährung und sportliche Betätigung – einmal abgesehen davon, dass Sport damals in gewissen Kreisen als nicht besonders schicklich galt und ohnehin nicht vergleichbar war mit heutigen Sportangeboten. Zum Glück gab es Wundermittel von zweifelhafter Wirksamkeit, mit denen die Korpulenzprobleme ohne irgendwelche Anstrengungen zu lösen waren: “Probedose ganz gratis.” Sehr schön. Einige Dinge ändern sich wohl nie; Anderes ändert sich durchaus.

mastkur

Weitaus öfter habe ich Anzeigen gesehen, in denen Mittel angeboten werden, mit denen man zu gesunder Dicke anwachsen kann: Ob dieses ostindische “Mast-Extrakt” wohl tatsächlich die menschliche Kraft “verfünffacht” und “dauernd volle Formen” und “üppige Büste” nach sich zog? Wer weiß? Für den Fall, dass es nicht klappte, gab es immerhin das Geld zurück. Dann konnte man es immer noch mit einem weiteren “orientalischen Kraftpulver” probieren, welches das hygienische Institut D. Franz Steiner anbot. In jedem Fall “streng reell! – kein Geschwindel.”

likoere+magerkeit

Die linke Seite mit den königlich preußischen Staatslikören habe ich natürlich absichtlich drangelassen. Ganz so schlimm läuft es heutzutage sicher nicht mehr, dennoch ist es wohl keine schlechte Idee damit zu werben, dass die stinkreichen, königlichen Oberbosse eine Ware schätzen. Die könnten schließlich alles haben. Was genau einen “Staatslikör” ausmacht habe ich nicht herausfinden können; ich weiß nur, dass ein regionaler Schnapsbrenner bis heute stolz damit wirbt, dass sein Getränk im Hamburger Rathaus ausgeschenkt wird. Ganz so laut sollte man über die Manegold-Anzeige also nicht lachen.

Wer bei und für Kaisers arbeitete, hatte zur Jahrhundertwende natürlich das große Los gezogen. François Haby war so jemand. Dieser Udo Walz der Kaiserzeit richtete dem zweiten Willem jeden Morgen die Frisur und vor allem den stolzen Bart. Haby nutzte seine prominente Stellung nicht nur dazu zahlende Kunden in seinen Berliner Salon zu locken; er vermarktete auch eine Serie von Pflegeprodukten, wie zum Beispiel die Bartpomade “Donnerwetter – tadellos!”, das Damen-Shampoo “Ich kann so nett sein” sowie das folgende Produkt zum “Idealrasieren nach Sanitäts-Polizeil. Vorschriften.”

haby

Ein üppiger Bart galt im Kaiserreich geradezu als ein Muss. Blöd sahen diejenigen aus, denen der Herrgott keinen ausufernden Bartwuchs geschenkt hatte. Aber auch diesen Leuten konnte geholfen werden.

wenn sie bartlos sind (aus simplicissimus 11.05.05)

Das “weltberühmte Bartwuchsmittel Cavalier” wird es schon richten. Könnte man heute wahrscheinlich noch immer gut an kaufkraftstarke Hipster vertreiben. Was dem männlichen Mann der maskuline Bart, das ist der Frau die Brust. Auf dem Weg zur prallen Normtitte standen oft Hindernisse, die glücklicherweise von einmal mehr “orientalischen Pillen” beseitigt werden konnten.

idealbueste-zuweitwegvondernormtitte

Nicht immer wurde so dick aufgetragen. Minimalistischer warben zum Beispiel dieser Kakaohersteller…

vanhouten

…oder diese Motorenfabrik – die ich extra für meine zahlreichen Leser mit Bielefelder Migrationshintergrund eingefügt habe.

duerkopp

Wenn sowohl Übertreibung als auch Minimalismus den Vorzug eines Produktes einfach nicht rüberbringen konnten, griff so mancher Werber womöglich zur einschlägigen Manipulationsliteratur, die wiederum von anderen Werbern in zahllosen Anzeigen angepriesen wurde.

machtderhypnose geheimemacht

Wenn das mit der geheimen “Liebesmacht” doch nicht geklappt hat, half vielleicht eher eine romantische Kreuzfahrt nach Norwegen, die hier lediglich deswegen Erwähnung findet, weil die dort aufgeführten Orte inzwischen unbekannt sein dürften: Aus Drontheim wurde – naheliegend – Trondheim und Christiania war über Jahrhunderte der Name Oslos.

seefahrt

Der Zeichner Olaf Gulbransson ist in Christiania geboren. Er war lange Zeit fester Bestandteil des Simplicissimus und einer dessen erfolgreichsten Karikaturisten. Ich möchte mit einem seiner Beiträge schließen, der in der Vorweihnachtszeit des Jahres 1906 veröffentlicht wurde: “Wie es heute wäre” schickt zwei biblische Hirten und den Weihnachtsstern in die kühle Gegenwart der Jahrhundertwende.

heiland01

“Und da sahen die Hirten einen großen Stern, der leuchtete gar seltsam und kam näher und immer näher,”

heiland02

“und da knieten die Hirten nieder und beteten, und da war es eine Automobillaterne.”

Weitere Informationen zum Simplicissimus-Projekt und Zugang zu allen Ausgaben findet ihr auf simplicissimus.info.

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This entry was published on 18/01/2014 at 15:40. It’s filed under Bilder, Fundstück and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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