Blutsauger in der Charmeoffensive

Viel hat er über die Jahre ertragen müssen: Ihm wurde die Kultiviertheit genommen, seine Bösartigkeit marginalisiert oder aber ins Unermessliche getrieben und alles was er bekam waren ein paar alberne Gadgets und Glitzerhaut. Mit Only Lovers Left Alive ist nun endlich ein Film erschienen, der dem Vampir die Würde zurückgibt.

loversleftalive
Tom Hiddleston, Tilda Swinton und Jim Jarmusch, Photo Lucie Otto-Bruc (cc by-nc-nd)

Eigentlich sollte ich rundum zufrieden sein. Immerhin liebe ich Vampirfilme und in den vergangenen Jahren erschienen nicht gerade wenige Ableger dieses Genres. Leider nur haben mich viele dieser Machwerke seltsam unbefriedigt zurückgelassen. Gerade große Produktionen boten mir zu oft den muskelbepackten, menschenfreundlichen Action-Vampir, der sich durch Armeen aus anonymen Monstren metzelte. Sky hat freundlicherweise eine Liste mit zahlreichen dieser Drecksfilme zusammengestellt – nur dass ihr eine Idee davon bekommt, was ich meine.

Es liegt mir fern dem Vampirfilm jede Änderung zu verbieten. Aus der genannten Liste habe ich zum Beispiel Fright Night oder Lost Boys in sehr guter Erinnerung. Abseits davon zeigten auch Cronos und vor allem Låt den rätte komma in wunderbare, frische Herangehensweisen an den staubigen Klischeeblutsauger. Gerade der letztgenannte Film bietet schon so manches, von dem gleich noch etwas mehr die Rede sein soll; die Vampire in beiden Filmen haben trotzdem nicht allzu viel mit ihrem aus der Mode gekommenen Vorbild zu tun.

In Jim Jarmuschs aktuellem Film Only Lovers Left Alive wird dieser klassische Vampir nun gekonnt ins neue Jahrtausend übertragen. Ich behauptete einleitend, dass Jarmusch ihm die verlorene Würde zurückgibt. Dabei gilt es zu bedenken, wie der Vampir überhaupt zu seiner Würde gekommen ist. Der kultivierte Gentleman-Nosferatu ist nämlich noch gar nicht so alt, wie er manchmal aussieht. Erst im 19. Jahrhundert haben ihn verschiedene Autoren in seine bekannte Form gegossen – vorne weg selbstverständlich Bram Stoker, der Dracula-Erfinder.

“Dracula captures everything the Victorians feared: the irrational, the pagan, the erotic and the foreign” – Jonty Claypole

Wie alles Verbotene hatte dieses Vampirmodell aber auch etwas enorm attraktives. Die Figur bot einen gefahrumwitterten Reiz, war anziehend und abstoßend zugleich, wobei das Abstoßende versteckt unter einer Schicht des Attraktiven lag. Oberflächlich gab der Vampir den klugen, gebildeten Mann mit besten Manieren, der über die Jahrhunderte Erhabenheit ansammeln konnte. Er war ein Widersacher von Format, geschickt, verschlagen, weise und mit allen Wassern gewaschen – ausgenommen Weihwasser natürlich.

All diese besonderen Stärken des klassischen Vampirs finden sich auch in seiner Wiederauferstehung in Only Lovers Left Alive. Vor allem das Vergehen von Zeit wird im Film stimmig dargestellt. Beide Hauptcharaktäre wirken wie Wesen, die über viele Jahrhunderte gereift sind, die sich von alltäglichen Kleinigkeiten beinahe nie aus der Ruhe bringen lassen. Sehr schön umgesetzt ist auch die Vermischung von antiquiert anmutenden Formen der Galanterie und Sprache mit der Gegenwartskultur. Adam (Tom Hiddleston) nimmt hierbei den eher konservativen, weniger coolen Part ein und seine Frau Eve (Tilda Swinton) den aufgeschlosseneren, abgeklärteren. Beide sind in ihrer Art – mit wenigen Abstrichen – sehr nachvollziehbar dargestellt.

In langsamem Tempo führt Jarmusch den Zuschauer in das Leben(?) dieser zwei Liebenden: Ein verheiratetes Paar, das an zwei völlig unterschiedlichen Teilen der Welt lebt – Tanger und Detroit – aber trotzdem sehr innig miteinander ist. Wenn sie sich nicht hin und wieder Blut von entfernt-bekannten Ärzten besorgen würden: Man bekäme kaum mit, dass es sich überhaupt um Vampire handelt. Der Vampirismus spielt beinahe eine untergeordnete Rolle. Only Lovers Left Alive ist eher ein Einblick darin, wie der Alltag einer ewigen Liebe aussehen könnte, die durch den Begleitumstand möglich gemacht wird, dass die Liebenden Vampire sind.

Hin und wieder finden sich auch Anspielungen auf die Geschichte der verschiedenen Vampirerzählungen, daneben gibt es allerlei Verweise auf weitere popkulturelle und wissenschaftsgeschichtliche Ereignisse. Als es an einem Punkt darum geht eine Leiche zu beseitigen, dürfen die Protagonisten kurz darüber reflektieren, wie sie das wohl früher getan hätten. Im Jahr 2013 ist das alles ein bisschen anders und scheinbar beschwerlicher geworden. Die Lösung ist schließlich eine Lösung im wahrsten Sinne des Wortes – mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Only Lovers Left Alive übt eine seltsame Faszination aus. Das Zielpublikum aus wohlsituierten Bildungsbürgern und Hipstern erkennt sich selbst und lässt sich von Jarmusch in einen eigenen Traum hineintragen: Ohne allzu große Sorgen über die alltägliche Existenz das Leben dem Schönen – Literatur, Musik, et cetera – zu widmen. Sich mit aller Ruhe und Zeit der Welt vom Dasein treiben zu lassen, dabei so etwas wie die große Liebe gefunden zu haben, die sich nicht mehr vom Kleinklein des Alltags aus den Fugen reißen lässt. Man kann beinahe von einer klugen, intellektuellen Liebe sprechen – wenn es so etwas überhaupt gibt. Auch deswegen wird der Film erfolgreich sein. Dabei sollte allerdings im Hinterkopf bleiben, dass auch die Groschenhefte unter den Kinofilmen so funktionieren: Zum Beispiel The Fast and the Furious mit dicken Karren und Action-Lifestyle für die danach gierenden Prolls.

So wirken unsere Vampire hin und wieder ein wenig zu versnobt. Die Verachtung der “Zombies” (a.k.a. Menschen) speist sich aus dem Ignorieren der Tatsache, dass ein Mensch nun einmal nicht die Jahrhunderte im Rücken hat und somit nicht die Ruhe weg sowie keinen kühlen Blick aufs große Ganze. Der Verdacht liegt nahe, dass es nicht nur diese Vampire sind, die hier zur Misanthrophie neigen, sondern möglicherweise auch ihr Schöpfer hinter der Kamera. Das könnte – Stichwort Faszination – auch auf das Publikum zutreffen, das schon immer wusste, wie barbarisch die Nachbarn sind, wenn die es wagen lediglich Bücher von Rosamunde Pilcher zu lesen und diesen einen tollen Spitzendesign-Gegenstand nicht wertschätzen, stattdessen lieber das langweilige Ideal Standard Waschbecken vom Baumarkt um die Ecke kaufen.

Letzten Endes kann Only Lovers Left Alive aber nicht daraus ein Strick gedreht werden, dass er auf die niederen Instinkte seines Publikums zielt. Einem Kunstwerk sollte nicht vorgeworfen werden, dass es den Betrachter in eine begehrenswerte Welt entführt; und wer seinen Film-Vampier am Gothic Horror orientiert, der schafft eben eine gebildete, schöne, edle Figur, die auf der einen Seite der Medaille tatsächlich begehrenswert ist. Mit Blick auf Misanthropie oder schlichte Gleichgültigkeit den Menschen gegenüber zeigt Jarmusch aber auch noch deren andere Seite und schafft auf diese Weise den womöglich ersten Vampirfilm des 21. Jahrhunderts, in dem der Vampir wieder zu dem Wesen wächst, zu dem er im 19. Jahrhundert gemacht wurde.

Die Angelegenheit wäre vollends perfekt, wenn man diesen Vampir nun noch in eine spannende Geschichte verpacken würde. Das aber kann man von jemandem wie Jim Jarmusch nun wirklich nicht erwarten. Unterhalten wird man in anderen Filmen, in die von Jarmusch wird man lediglich aufgesogen. Wer Only Lovers Left Alive also noch nicht gesehen hat: Nichts wie rein ins Kino.

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This entry was published on 12/01/2014 at 23:59. It’s filed under Sonstiges and tagged , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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