Die Generation der Rücksichtslosen

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Nun steht er also neben seinem Baum, dieser unbekannte Junge aus der vierten Klasse. Er entschuldigt sich mittels einer Strafarbeit dafür, dass er in asozialer Meisterleistung seine Klassenkameraden am laufenden Band und mit Erfolg davon abgehalten hat etwas zu lernen. Sein bebildertes Entschuldigungsschreiben durfte er in einsamen 45 Minuten angefertigen – eine beinahe komplett unsinnige Maßnahme mit geringem Lerneffekt, deren Hauptnutzen darin bestand, dass die Mitschüler eine Unterrichtsstunde mit seiner Abwesenheit gesegnet wurden. Ein paar Worte über Egoismus, Forderung, Förderung und Strafen in der nüchternen Realität einer städtischen Grundschule, die weder in einem Villen- noch in einem sogenannten Problemviertel liegt.

Diese Sanktion war nicht meine Idee. Ich – in meiner Funktion als Ersatzlehrer – habe keine einzige Sanktionsmöglichkeit. Entweder die Kinder machen in meinem Unterricht mit oder sie lassen es bleiben. Lassen sie es bleiben, kann ich es mit Änderung meiner Methoden versuchen, ansonsten aber allerhöchstens mit Stoßgebeten oder mit meist folgenlosen Appellen an den Kopf der schulinternen Sanktionskette. Kinder sind zwar gemeinhin recht doof, aber bei weitem nicht so doof, wie es sich Kinderlose gern ausmalen. Sie wittern Furcht, testen unablässig wie viel sie sich herausnehmen können und fallen erbarmungslos über jeden her, der sich nicht zu wehren weiß. Sie sind in dieser Hinsicht einer Meute Hyänen recht ähnlich. Grönemeyers Kinder an die Macht ist auch gerade deswegen eines der grausamsten Lieder der Welt, weil er darin Hyänenherrschaft fordert.

Wie oben bereits erwähnt, bin ich kein gewöhnlicher Lehrer. Wäre ich vollwertiger Pädagoge und hätte ich eine eigene Klasse, dann hätte ich selbstverständlich ganz andere Möglichkeiten auf meine Schüler einzuwirken. Warum das so ist, was in einem solchen Fall anders oder besser wäre, tut gar nichts zur Sache. Ich möchte hier lediglich ein paar Beobachtungen teilen, die ich seit Beginn meiner Tätigkeit gemacht habe. Damit die Angelegenheit nicht allzu sehr ausufert, beschränke ich mich heute auf den Satz: “Ich war laut. Weil mein Gefu(eh)l das sagte.”

Eine kleine Info für alle jene, die schon lange keine staatliche Grundschule mehr von innen gesehen haben: Grundschulunterricht ist nicht mehr so, wie er einst war. Das ist zunächst einmal gut, weil blutleeres Gepauke, Strammstehen und Peitsche gottseidank im vergangenen Jahrhundert geblieben sind. Ich wurde vor gut über zwanzig Jahren eingeschult. Schon damals war das Leben an einer Grundschule für einen Schüler aber recht entspannt. Der bedeutende Unterschied zu heute scheinen die Schüler zu sein. Zwar keine Mehrheit, wohl aber ein beträchtlicher Teil meiner Schüler, tut in der Tat, was das Gefühl ihnen sagt. Was schön für sie ist, ist aber leider meistens ziemlicher Mist für alle anderen. Wer sich auf Kosten anderer mies verhält, ist leicht mit einem Wort zu beschreiben: Asozial. Offenbar haben es viele der Prinzen und Prinzessinnen zu Hause nicht gelernt, dass die eigene Freiheit Grenzen kennt. Über die Gründe dafür kann ich hier nur spekulieren: Von überforderten, überarbeiteten, besonders sanftmütigen Eltern, bis hin zu Geschwisterlosigkeit und allen möglichen neumodischen Kinderkrankheiten. Fakt ist: Was zu Hause nicht passiert ist, das ist Problem der Schule und sollte die Schule versuchen asoziales Verhalten zu bekämpfen, dann muss sie hoffen, dass die Eltern asoziales Verhalten ebenfalls als solches erkennen und dessen Bekämpfung goutieren.

Es gibt Pädagogen, die sagen: Wenn Schüler keine Lust am Unterricht haben, dann ist es die Schuld des Lehrers. Ich stimme dem insofern zu, dass man als Lehrer bemüht sein sollte für sein Fach zu begeistern, dass man kreativ und spontan sein, dass man schwierigen Fällen lieber mit gezielter Förderung begegnen sollte, als mit kalter Abmahnung. Allerdings halte ich die oben genannte Aussage in der Hauptsache für ziemlich bräsig und das gerade auch mit Blick auf die Stellung des Einzelnen in der Gruppe. Ein Lehrer erteilt meistens keinen Einzelunterricht. Blöderweise hat er es gewöhnlich mit einer Bande unterschiedlich begabter und verschieden interessierter Schüler zu tun, die alle etwas lernen sollen. Wenn der kleine Luca Patrick Samuel* sich nicht für Mathe interessiert, hat der Pädagoge sich untertänigst zu bemühen für besonderes Amusement an der Sache zu sorgen und wenn das nicht hinhaut, dann hat er eben versagt. Keineswegs aber darf erwartet werden, dass Prinz Luca sich selbst bemüht. Fordern ist nicht schicklich. Das betrifft zum Einen die Forderung sich mit Thematiken auseinanderzusetzen, die langweilen oder schwerfallen und zum Anderen die Forderung nicht auf Kosten von Mitschülern zu tun, was das Gefühl sagt. Ich habe von einigen älteren Kollegen gehört, das Verhalten der Schüler würde von Jahr zu Jahr schlimmer werden. Damit bestätigt sich mein Eindruck, der im Vergleich zwischen verschwommener Erinnerung an meine Grundschulzeit und der Gegenwart entstanden ist.

Wer zu Hause und in der Schule alles darf, beständig fordert, aber nie gibt und rücksichtslos älter wird, für den sind Schwierigkeiten vorprogrammiert. Vor allem werden die Schläge der nicht minder rücksichtslosen Knute des außerschulischen Lebens sehr schmerzen. Das klingt nach Kampf und Depression. Wer lange genug eingeredet bekommt, er sei das Zentrum des Universums, der glaubt es womöglich irgendwann. Sollte die genannte Knute sie nicht durch heilsamen Schock von ihrer Egozentrik befreien können, bin ich schon jetzt gespannt, wie die Zukunft so wird, mit all den Prinzen der Universen. Hoffen wir, dass sie wenigstens Lieder singen.

*So ein Name existiert bestimmt irgendwo, allerdings kenne ich niemanden, der so heißt.

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This entry was published on 13/12/2013 at 01:30. It’s filed under Sonstiges and tagged , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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