Kampf der Kulturen

Es herrscht Krieg und ich stehe zwischen den Fronten: Auf der einen Seite die technologiefeindlichen Conservatoren, die es sich im Gestern gemütlich eingerichtet haben, auf der anderen Seite die alles mitnehmenden Multitasker, mit mindestens einem Bildschirm in der Fresse. Web 0.0 gegen Web 2.0. So weit, so blöd, aber es kommt noch schlimmer. Wann immer die eine Partei an mich heranrückt, versuche ich ihr die Position des Gegners schmackhaft zu machen. Gestatten, ich bin so etwas wie Heiner Geißler mit mehr Haaren und ich finde, dass ihr alle gemeinsam in die Relax-Oase gehört.


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In der Relax-Oase stehen wahrscheinlich Palmen – Photo Josep Ma. Rosell (cc by)

Neulich diskutierte ich angeregt mit meinem Vater. Es ging um Taschenkalender aus Papier – einer dieser völlig dämlichen Streitpunkte, die man eben hat, wenn man sich lange kennt und anscheinend zu viel Zeit zur Verfügung. Meine Meinung dazu ist schnell zusammengefasst: Taschenkalender aus Zellstoffen? Sowas benutzt bald sicher gar keiner mehr. Schon im hier und jetzt würde ich so ein Ding nicht haben wollen – völlig überflüssig. Der ist doch einem gut geschriebenen Programm um Lichtjahre unterlegen. Allenfalls als Nischenprodukt wird sich so etwas halten.

Papa aber sah das anders. Ihm war nicht nahezubringen, dass eine Vielzahl jüngerer Erfindungen die Funktion eines Kalenders nicht nur übernehmen können, sondern darüber hinaus noch weitere Vorzüge bieten und sich daher wohl durchsetzen werden. Ich erspare mir die Aufzählung von Offensichtlichem. Ich hatte den Eindruck, er – den ich hier übrigens keineswegs als doof darstellen möchte – stemmte sich trotzig gegen die Angst, dass es mit seiner Lebenswelt bald vorbei sein könnte.

Vielleicht fehlt auch einfach der Einblick in eine Welt, die ihm in dieser Hinsicht entglitten zu sein scheint. Er steht damit aber längst nicht alleine. Der Abwehrkampf gegen neue Technologie ist in vollem Gange. Ich will mich im Folgenden am Beispiel Smartphone festhalten. Es eignet sich gut für meinen Punkt, da es inzwischen allgegenwärtig ist, in der Lage den Nutzer mit allem Möglichen zu verbinden und da es zudem einen gewissen Symbolcharakter besitzt.

Bei mir an der Stadtgrenze macht man sich gerne über all die Youngster mit ihren teuren Telefonen lustig: Die stehen doch nur blöd rum und glotzen auf ihre blöden Geräte. Feindbild Bildschirm: Erst viereckige Augen vom Fernsehen, nun auch noch vom Mobiltelefon. Öffentlich ein Smartphone zu benutzen ist in gewissen Kreisen schon exotisch genug, um zu den befremdlichen Weirdos kategorisiert zu werden. Prometoys re-twitterte mir dazu neulich eine schöne Reaktion.

fruherallesbesser

“Früher™, als alles noch besser war und wir nicht so asozial und isoliert auf unsere Smartphones gestarrt haben.”

Die Wutbürger sollten es mit ihrer Ablehnung also lieber nicht übertreiben. Andererseits habe ich den Eindruck, dass jede Kritik an Nutzungsformen von Smartphones, von deren eifrigsten Nutzern sofort als empfindliche Kränkung wahrgenommen wird. Ich kann nichts dagegen haben, dass Smartphones benutzt werden, auch nicht, dass sie oft benutzt werden. Überhaupt darf das ja jeder für sich entscheiden und ich will hier gar nicht all die weiteren Fässer aufmachen, von Google Glasses bis feuchten Träumen in Richtung Umbau zum Cyborg. Das Smartphone reicht völlig.

Wenn ich mich über Smartphone-Nutzung ärgere, dann meistens als Störung von Gesprächen. Mir geht es hier um Fokus, um Aufmerksamkeit, um Interesse und daraus folgend auch darum im Pool der grenzenlosen Möglichkeiten klare Präferenzentscheidungen zu treffen sowie schlicht um Höflichkeit.

Jerry Seinfeld ist Entertainer. Er ist daher eloquenter, pointierter, schlicht viel besser in der Lage meinen Punkt einzuleiten, natürlich wunderbar überspitzt.

“Do we even know what rudeness is anymore?”

Tja, aber ist es nicht auch unhöflich Leute auszuschließen, nur weil sich ihre Körper gerade woanders befinden?* Wahrlich ein edler Gedanke und ich weiß um unzählige Situationen, in denen sich diese Möglichkeit der Vernetzung sogar als überaus hilfreich erweist.

Mein Punkt ist aber auch gar nicht, es komplett zu unterlassen. Mir geht es um den Wunsch nach gelegentlicher Exklusivität. Mir geht es darum sich hin und wieder für etwas zu entscheiden. Wenn ich mich zum Beispiel abends mit einem Kumpel treffe, den ich vielleicht lange nicht, nur flüchtig oder nur in größeren Runden gesehen habe, dann möchte ich ihm meine Zeit exklusiv widmen. Das heißt, ich wimmele Anrufer ab oder lasse das Mobiltelefon gleich ganz in der Tasche. Die Nummer funktioniert freilich auch anders. Wenn ich beispielsweise mit meinen mehrere hundert Kilometer entfernten Freunden via Skype gemeinsam ein paar Biere trinke, will ich nicht von meinem Nachbarn gestört werden.

Ich wähne mich in einer Welt aus Möglichkeiten – gerade auch dank technischem Fortschritt – und ich bin dankbar dafür. Dazu gehört aber auch, dass ich hin und wieder einige dieser Möglichkeiten liegenlasse. Nach dem Motto: Nur weil ich eine Waffe habe, muss ich sie noch lange nicht zu jeder sich bietenden Gelegenheit einsetzen. Viele Leute in meinem Umfeld lassen nicht den Hauch einer Kritik an der Nutzung neuer Medien zu. Man braucht aber kein Kulturpessimist zu sein, um sich kritisch mit Technologie des 21. Jahrhunderts und daraus folgender Kultur auseinanderzusetzen.

All das ist zum Großteil natürlich eine Geschmacksfrage. Also macht doch, was ihr wollt, aber bitte erwartet nicht, dass ich alles mitmache oder alles unterlasse.

Wie ich mir von meinem Papa aus dem 20. Jahrhundert wünsche, dass er sich ab und an auf Veränderung einlässt, seinen Lebensstil ab und an kritisch hinterfragt, so wünsche ich mir das genauso von den diffusen, non-stop an irgendwelchen Interfaces hängenden Digital Natives und von beiden ebenfalls eine etwas weniger verbissene Haltung. Das ist sicher schwer umzusetzen, sind doch die Einen mit permanenten Ängsten konfrontiert, nicht mehr Schritt halten zu können und zu gesellschaftlichen Auslaufmodellen degradiert zu werden und die Anderen gezwungenermaßen in permanenter Verteidigungsstellung gegen eine Welt aus Netzsperren und Neuland. Ich halte das auch für einen nicht unerheblichen Generationenkonflikt.

Vielleicht wäre ja tatsächlich ein Mediator zwischen den Gruppen nötig, die sich beide in ihren eigenen Universen verschanzen. Beide scheinen mir hin und wieder aus völlig verschiedenen Gründen seltsam entrückt, was gerne dann passiert, wenn man zu viel mit Seinesgleichen zu tun hat. Letztenendes hat es noch nie geschadet mit möglichst vielen, möglichst unterschiedlichen Menschen zu sprechen. Fragt sich nur: Face to face oder über Twitter?


*Inspiration zu diesem Beitrag war ein Gespräch mit Matthias, von dem auch der hier genannte Einwand stammt. Ich glaube, ich trieb ihm völlig unnötig Zorn in den Bauch, weil ich mich zu umständlich ausgedrückt habe. Möge sein Zorn mit diesem Text besänftigt werden oder aber sich an Anderem neu entzünden. Ich hoffe selbstverständlich auf Ersteres.

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This entry was published on 05/12/2013 at 20:25. It’s filed under Sonstiges and tagged , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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