Schlimme Menschen (1)

“Indem wir fortwährend uns üben, es mit allerlei Mitmenschen auszuhalten, üben wir uns unbewußt darin, uns selber auszuhalten: was eigentlich die unbegreiflichste Leistung des Menschen ist.” – Nietzsche

Gut gesagt, Friedrich. Ich will dich beim Wort nehmen und eine kleine Serie beginnen, die mich schon längere Zeit reizt. Darin geht es um schlimme Menschen, dank denen diese Welt jeden Tag ein bisschen unerträglicher wird. Verantwortlich dafür, dass ich in dieser Angelegenheit endlich den ersten Schritt tue, ist der haarige Herr hier:


catcatcatPhoto Marisa in the Great Northwest (cc by)

Richtig geraten, es ist Steven Demetre Georgiou, wahlweise auch Yusuf Islam oder Cat Stevens, der Held aller Endreihenhaus-Hippies. Auch vierzig Jahre nach seiner großen Zeit ist der Mann nicht wirklich zu vermeiden. So viel sei ihm zugestanden: Eine nachhaltige Wirkung hat er offenbar. Auch fallen mir eine Reihe Songs aus seinem Werk ein, die ich durchaus mag. I Think I See the Light ist zum Beispiel recht schön. Andere Stücke wecken zumindest warme Erinnerungen in mir. Ich weiß noch genau, wie ich gemeinsam mit meinem alten Englischlehrer vor der angewiderten Klasse den Gassenhauer Lady D’Arbanville gesungen habe. Das hat möglicherweise bei einigen von meinen Mitschülern tiefe Wunden in der Seele hinterlassen. Es mag sein, dass ich deswegen noch immer auf irgendwelchen Todeslisten stehe – völlig zu recht.

Aber zum Hauptproblem: Father and Son (nicht verlinkt) ist einer der schrecklichsten Songs der Welt. Er würde jeder Schmonzette gut zu Gesicht stehen. Auch nach mehreren abnutzenden Dekaden fällt er mich immer wieder unvermittelt an, ist aber überhaupt nicht zu handhaben: Da ist überall Glitsch und Schleim. Wie ein Aal, der dir ins Gesicht beißt, deinen Händen entgleitet und dich benutzt, verwundet und klebrig zurücklässt. Das ist ein gefühlsduseliger Song für Menschen, deren emotionale Skala lediglich von wischi bis waschi reicht. In dieser Hinsicht Cat’s in the Cradle sehr ähnlich, scheitert Stevens grandios beim Versuch die gute alte Vater-Sohn Beziehung stimmig darzustellen. Bei ihm reduziert sich das zu einem altersweisen väterlichen Monolog, der jedem Sohn die Schamesröte ins Gesicht treiben muss. Wer wissen möchte, wie man die gleiche Thematik gekonnt in einen Song verpacken kann, dem sei immer wieder das beinahe gleichalte Old Man von Neil Young empfohlen – natürlich hat sich auch Neil Young vielfältig schuldig gemacht; zu ihm allerdings ein andermal.

Schlimm wird es immer dann, wenn Kinder ins Spiel kommen. Fuck you, Cat Stevens, und zwar für Where Do The Children Play. Das ist wieder einmal einer dieser beschissenen Aufzählsongs: All der eklige Technikschitt, diese modernen Pferde und Telephone und Wohnungen, aber sag mir, wo sollen die Kinder spielen? Denk doch bitte jemand an die Kinder! Die verdammten Gören in die Sache mit reinzuziehen ist der schmierige Bruder des Nazi-Vergleichs. Damit verliert man automatisch und augenblicklich jede Debatte. 1971 sah die Sache freilich noch anders aus. Damals konnte man aber mit allem Möglichen durchkommen ohne ausgelacht zu werden

Du, Cat Stevens, bist ein schlimmer Mensch. Mögen deine weinerliche Stimme, deine schmierigen Texte und rührseligen Arrangements auf einigen wenigen Oldie-Sendern dahinsiechen. Vielleicht wäre es besser, wenn du dich zurück auf die stille Suche nach Gott begeben würdest, die dir jahrzehntelang gut gestanden hat. Sie brachte dich dem Heil etwas näher und ich blieb verschont von dir und deiner Musik. Das war eine Win-Win-Situation. Also gib dir einen Ruck, steig in deinen Peace Train, fahr weit weg und genieße deine Rente in irgendeinem spirituellen Rentnerparadies. Zum Aufhören ist es in deinem Fall nie zu spät.

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This entry was published on 17/11/2013 at 23:59. It’s filed under schlimme Menschen and tagged , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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