Wie ich Mark J. Mulcahy aus meinen Träumen extrahierte

mark mulcahy byPhoto Jennifer Daylight (cc by-nc-nd)

Ich kann mich nur sehr selten an meine Träume erinnern, wenn ich mich morgens widerwillig aus dem Bett pelle. Langsam schleppe ich mein morsches Fleisch in Richtung Küche, um meinen Körper mit neuer Lebenskraft zu füllen. Diese Aufgabe übernimmt gewöhnlich eine Kanne dickflüssiger schwarzer Tee, in Ausnahmefällen auch schwarzer Kaffee in einer Konsistenz wie frischer Asphalt. In diesen Momenten funktioniere ich wie eine Maschine, die das Programm Morgenroutine abspult. Wahrscheinlich mache ich mir direkt nach dem Aufstehen – einem entrückten buddhistischen Mönch ähnlich – gar keine Gedanken. Manchmal kann es allerdings passieren, dass ich aus der Schattenwelt des Schlafes Töne mit ins Diesseits herüberrette.

Heute hatte ich einmal mehr einen solchen Ohrwurm – und damit meine ich das Fragment eines Songs. Es kommt vor, dass ich auf diese Weise an Stücke erinnert werde, die ich vermeintlich seit Jahren nicht mehr im Ohr hatte. Ganz so weit weg ist Hey Sandy von der Band Polaris sicherlich nicht. Dennoch finde ich überraschend, was mein Hirn hin und wieder aus dem Archiv zieht.

Der Song gehört zur verwirrenden Fernsehserie The Adventures of Pete and Pete, die in den 90ern bei Nickelodeon lief. Das war ein Jugendprogramm, dem inzwischen so etwas wie ein nostalgiesüchtiges cult following anhängt. Das Konzept klingt zumindest nicht schlecht und konnte auch nicht allzu schlecht sein, wenn sich selbst der altehrwürdige Iggy Pop dafür hergab.

Ich zumindest bin vor Jahren unabhängig von Pete and Pete auf Polaris gestoßen. Die Sache lief über Miracle Legion. Polaris und Mircale Legion sind nämlich mehr oder weniger die gleiche Band. Die Erstgenannten haben mit Music From the Adventures of Pete and Pete auch nur ein einziges Album veröffentlicht – eine Kompilation der Stücke aus der Serie. Das ist zarter College Rock, eine rundum gelungene Sammlung, die beinahe das komplette Werk der Miracle Legion in den Schatten stellt. Ich rate mit Nachdruck dazu diesem Album eine Chance zu geben.

Mark J. Mulcahy ist die treibende Kraft hinter beiden Bands. Seit Jahren schon zieht er allerdings sein Solo-Ding durch – Miracle Legion haben sich noch in den 90ern aufgelöst. Ich verehre den Herren Mulcahy sehr und erlitt von Verzückung getriebene Schweißausbrüche, als ich bemerkte, dass Mark in diesem Jahr ein neues Album veröffentlicht hat. Der Titel könnte von mir stammen: Dear Mark J. Mulcahy, I Love You. Es ist die erste neue Veröffentlichung seit 2005. Eines der vielen Herzen dieser Platte schlägt im Song She Makes the World Turn Backwards, hier in einer Live-Version mit Mark, seiner Band und seinem großartigen Rentnerchor.

Die lange Abwesenheit Mulcahys ist dem plötzlichen Tod seiner Frau geschuldet. 2008 war das – auch deswegen keine einfache Geschichte, weil Mark sich fortan alleine um die beiden damals dreijährigen Töchter kümmern musste. Gemessen daran ist das Album überraschenderweise ziemlich fröhlich geraten, geradezu lebensbejahend. Andrew Mueller schreibt im Uncut Magazine: “Dear Mark J. Mulcahy, I Love You” sounds supremely happy to be here: it’s an infectious feeling. Dieser Einschätzung kann ich mich nur anschließen.

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This entry was published on 14/10/2013 at 12:25. It’s filed under Ohrwurm, Töne and tagged , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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